Spätrömischen Dekadenz: Wie Politiker und Behörden die Bürger für dumm verkaufen

Screenshot chechar.wordpress.com

Angesichts Massenarmut und -arbeitslosigkeit erfordert es reichlich Hochmut von einer „spätrömischen Dekadenz“ der Bevölkerung zu sprechen. Aber genau so lautet die Wortwahl. Es handelt sich wohl eher um ein politische Ablenkungsmanöver, um von strukturellen wirtschaftlichen Fehlleistungen abzulenken: Denn das Wort „Masse“ impliziert eben kein individuelles Versagen. Wie es den Betroffenen geht, darüber machen sich weder dekadente Politiker, noch behördliche Funktionsträger irgendwelche Gedanken.

>>Telepolis<<

„Würde Friedrich von Hayek einen Ratgeber für Männer in der Midlifecrisis schreiben und diesen in Form eines Abreißspruchkalenders herausgeben, könnte er mit jenem vergleichbar sein, was auf uns einprasselt. Der Dozent, der uns auch gerne seine „Schäfchen“ oder seine „Entchen“ nennt, nimmt sich gerade eine Leidensgenossin vor. „Stell dir vor dein Leben ist ein Film, welche Rolle würdest du spielen wollen…“, und geht über in „Niemand kann über dich bestimmen, nicht ich, nicht Frau Merkel, nicht dein Chef, es ist allein bei dir, das aus dir zu machen, was du willst. Was willst du?“ Er setzt noch einen drauf, als sie formuliert, dass sie gerne einen Chef will, der sie mal nicht ausbeutet und verarscht. „Du bist zu negativ eingestellt, so bekommst du keine Arbeit, wir müssen dich umpolen, den Schalter in deinem Gehirn umlegen.“ Meine Schmerzgrenze ist langsam erreicht, doch er lässt nicht locker. „Ich sage immer, es gibt eine Regel: „Leave it, love it or change it, falls du deine Arbeitslosigkeit liebst, dann bleib halt so, wie du bist, ansonsten musst du dich verändern. Eine Frau, die bei ihrem schlagenden Ehemann bleibt, scheint die Situation zu lieben…“. Der Dozent malt eine 0 am linken Rand eines Zettels und eine 85 an den rechten Rand. „Das ist dein Leben, Geburt und in etwa dein Tod.“ Er reißt den Zettel durch, zeigt auf die eine Hälfte des Blattes und sagt: „Das ist die Zeit, die dir verbleibt, falls du nicht von deinem Recht auf’s vorzeitige Ableben Gebrauch machst. Wie willst du diese Zeit noch nutzen?“ Ich sitze meiner Mitleidenden gegenüber. Es ist der erste Tag und ich kann die anderen TeilnehmerInnen noch nicht einschätzen. Würde ich meinem Impuls nachgehen und dazwischen fahren, würden sie es vielleicht missverstehen. Die riesige Gürtelschnalle des „Dozenten“ wippt im Takt seiner Tiraden hin und her und zwingt mir sein Gemächt in meinen Blick. Während ich mich frage, ob er durch Zurschaustellung seiner phallischen Potenz seine väterliche Autorität hervorheben will, die Nike-Werbekampanen-Version eines Über-Ichs, überrollt mich eine Welle von Verzweiflung, Wut, Trauer, hysterisches Lachen und das unbändige Bedürfnis meinen Kopf auf den Tisch zu hauen, um der sich anstauenden Energie dieser visuellen und auditiven Schmerzquelle zu entkommen. Auf den Versuch meiner über 40-jährige Mitinsassin, den Dozenten bei seinen Auslassungen zu unterbrechen, erklärt er ihr mit einer Bewegung des Mundzuschließens, dass sie ihn nicht unterbrechen solle, denn bei einem Bewerbungsgespräch könne sie dann gleich nach Hause gehen, und wenn er zukünftig die Bewegung ( er demonstriert erneut den „Reißverschluss“) mache, habe sie leise zu sein. Die Pause bricht an, bei einer Zigarette komme ich mit meiner Sitznachbarin ins Gespräch. Meine Wut über den Umgang unseres Dozenten mit ihr, nimmt sie positiv auf und zusammen verschaffen wir uns etwas Luft. Die Pause ist zu Ende und wie sollte es anders sein, erfolgt die Triangulierung, der Gegenpart unseres Maßnahmen-Vaters, durch die der Mutterfigur in Form einer Pädagogin, deren „mimimimi“-Tonlage mir das Schütteln bereitet und zeigt, dass sie schon eindeutig zu lange in diesem Job ist. Die Spannung zwischen den beiden ist eindeutig zu spüren, die Konkurrenz knistert durch den Raum. Wenn einer/eine von ihnen den Mund aufmacht, ist der/die andere schon dabei, die Augen zu verdrehen. „Scheiße“, denk ich mir, ich bin hier mitten in eine billige Inszenierung des Ödipuskomplex geraten. Der Arbeitslose an sich hat ja das Stadium des Erwachsenwerdens, die gesellschaftliche Integration noch nicht erreicht. Irgendwo mitten in der Oralität stehen geblieben, nukelt er wonnig an den Zitzen des Vater Staates. Seinem Lustprinzip bis aufs Äußerste folgend, feiert er wilde Partys, schläft bis in die Abendstunden, nur um sich erneut in die ozeanische Weiten der Onlinespiele zu begeben oder des Nachts, wenn der kulturschaffende, arbeitende Bürger seinen gerechten Schlaf hält, mit anderen Arbeitslosen wüst trinkend um die Häuser zu ziehen. Dass dieser „spätrömischen Dekadenz“, die Deutschland zugrunde richtet (wir erinnern uns immer wieder gern an den Westerwelle), etwas entgegen gesetzt werden muss, wurde seit den 1990ern mit Übernahme des Mottos „fordern und fördern“ im Sozialgesetzbuch zur stetigen Litanei. Wie Kurt Beck 2006 verlauten ließ: „Wenn Sie sich waschen und rasieren, finden Sie auch einen Job.“ Und dafür sind solche Maßnahmen, wie der, in der ich mich jetzt wiederfinde, angeblich geschaffen worden. Komisch, nach den durchnächtigten Partymonstern sehen die alle um mich herum nicht aus. Ein über 50-jähriger Ukrainer, der nach seinen Schlaganfall eigentlich nicht mehr arbeiten gehen sollte. Eine 25-jährige Mutter, die ihre 10-jährige Tochter sehr verantwortlich selbst aufgezogen hat. Eine fast 50-jährige Mutter, die 20 Jahre als Detektivin arbeitete und dann gefeuert wurde, weil sie bei ihrer sterbenden Tante im Krankenhaus deren Tod abwarten wollte. Allerdings wurde ein Arbeitsausfall nur für nahe Verwandte gestattet. Eine Köchin, die seit gut 30 Jahren in ihrem Beruf – zum Teil sogar als Küchenchefin – gearbeitet hatte und aufgrund einer schweren, aber nun wieder geheilten Krankheit ihren Job verlor. Und noch viele andere. So richtig passt Gerhard Schröders Zitat von 2006 auf keinen von ihnen: „Wer arbeiten kann, aber nicht will, der kann nicht mit Solidarität rechnen. Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft!“ Alle, die da sind, würden gerne arbeiten, haben aber auch eine recht realistische Einschätzung von ihren Chancen auf einem hart umkämpften Arbeitsmarkt. Solidarität können sie dennoch nicht erwarten. Nächste Pause und nächste Einheit. Eine Schicksalsgefährtin ruft bei einer ausgeschriebenen Stelle an und fragt, ob sich eine Bewerbung lohne. Die Antwort ist ernüchternd. Es lägen 120 Bewerbungen schon auf dem Tisch, sie könne sich die Arbeit sparen. Beim Auflegen murmelt sie ein „hat kein Sinn“ vor sich hin. Unser übereifriges Über-Ich bekommt das mit und erklärt ihr, dass es nur an ihrer negativen Einstellung läge. An dieser Stelle halten wir die allzu reale Groteske einen Augenblick an. Ich werde nämlich im Weitergang endlich meine Fassung verlieren. Und so ist es an der Zeit, etwas über mich zu erzählen. Ich bin derzeit selbstständig im Gebäudereinigungsgewerbe und ein „Aufstocker“, wie es so allgemein heißt. Damit bin ich deutschlandweit einer von ca. 96.000 Selbstständigen (Tendenz steigend) und einer von ca. 1,2 Millionen (Stand 2017) insgesamt, die von ihrer Erwerbstätigkeit nicht leben können. Diese Liaison ist wahrlich keine gute, aber zumindest hat man das Gefühl,ökonomisch etwas besser klar zu kommen. Nach einem Umzug traf ich auf meinen neuen Fallmanager, der mir recht zügig mitteilte, dass ich drei Monate Zeit hätte, mir eine „richtige Arbeit“ zu suchen, ich könne ja ins Callcenter gehen, da würden sie jeden nehmen. Auf jeden Fall sei das der angenehmere Weg, als bei ihm zu bleiben. (Das Grinsen muss er sich bei diesem Satz verkneifen.) Ansonsten würde schon eine pädagogische Einzelbetreuung parat stehen, mit der ich auch über meine persönlichen Probleme reden könne. Nun bin ich sowieso kontinuierlich dabei, mich auf eine Ausbildungsstelle zu bewerben. Als Autodidakt wird es immer schwerer, meine Arbeitskraft auf dem harten Markt zu veräußern. Praxiserfahrungen und Kompetenzen zum Trotz. So schien mir der nachhaltigste Weg, in eine Ausbildung zu gehen, um dort eine offiziell anerkannte Qualifikation zu erwerben. Als ich dies meinem Fallmanager mitteilte, konnte er sich nicht mehr zurückhalten, lehnte sich arrogant in seinen Stuhl zurück und lachte. Drei Monate später wurde ich erneut ins Jobcenter bestellt und fand mich – nachdem ich in zwei Monaten über 30 Bewerbungen rausgehauen hatte – in der besagten „SimbA“ wieder, ausgerichtet von der Grone Schule, einer der größten Anbieter dieser sog. Maßnahmen. Wie viele dieser Einrichtungen, die wie Pilze aus dem Boden schießen (naja, das ist so ein Sprichwort, eigentlich schießen immer weniger Pilze aus dem Boden) existieren, ist für mich schwer zu überschauen. Aber bei Neugründung solcher Einrichtungen gehen locker mehrere Millionen Euro Finanzierungshilfe über den Tisch. Als Beispiel sei hier mal das Projekt VIOLA aus Kiel genannt. Das Projekt startete am 1. Mai 2015. VIOLA (ich frage mich immer, welche Vollidioten sich wohl das Gehirn zermartern, um diese Unsummen an Akronymen zu generieren) steht für „Vermittlungs- und Integrationsoffensive für Langzeitarbeitslose Menschen“, wofür das Jobcenter Kiel vier Mio. Euro aus dem ESF (Europäische Sozialfonds) erhielt. Die Erfolgsstory: Innerhalb von zwei Jahren (das Projekt endete am 31.12.2017) konnten alle 123 TeilnehmerInnen in Jobs vermittelt werden. Davon seien laut einem Artikel im Kieler Express „über 26 % der abgeschlossenen Arbeitsverträge […] unbefristet“ und ein “ Zuschuss für Unternehmen von durchschnittlich 18 Monaten sicherte die Einstellung ab“. Ich äußere mal die Vermutung, dass wenn vier Mio. Euro ausgegeben werden, um 31,98 Menschen in einen festen Job (was auch immer das heißt) zu bringen, anscheinend ein ARGES Problem mit dem Arbeitsmarkt besteht. Vielleicht sind die Arbeitslosen ja gar nicht einfach nur faul, sondern es gibt schlichtweg immer weniger Arbeitsplätze und die Unternehmen investieren aufgrund der allgemeinen Konkurrenz eher in die Produktivkraftentwicklung? Vielleicht sind befristete Arbeitsverträge auch einfach kostengünstiger und die Firmen sparen dadurch, dass sie die Löhne mit der Zeit nicht anheben müssen, sondern die ArbeiterInnen einfach entlassen? Vielleicht rentiert sich die hohe Fluktuation von ArbeitnehmerInnen auch, weil es ihnen so immer schwerer gemacht wird, sich gegen miese Arbeitsbedingungen zur Wehr zu setzen und jedem/jeder Einzelnen klar ist, dass ein Aufmucken eine Nicht-Verlängerung bedeutet und schon Millionen andere bereit stehen um den Platz zu übernehmen? Vielleicht sind die Unternehmen ja sogar ganz glücklich über die Arbeitslosenzahlen, weil die „Reserve“ von Arbeitslosen und das Reinpressen in 1-Eurojobs durch das Jobcenter ein gute Chance darstellt, den Lohn immer weiter zu drücken? Fragen, die sich das „Dozenten“/ „Dozentin“ Etalon wohl niemals stellen wird. Laut einer Statistik des Bundesamts für Arbeit beziehen mehr als zwei Drittel der TeilnehmerInnen solcher Maßnahmen nach sechs Monaten weiterhin Alg2. Dafür wurden im Jahr 2017 mal locker 773 Millionen Euro ausgegeben. Laut dem „Grone Magazin“ von Dezember 2017 hat die Stiftung Grone Schule einen Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro. Hier wird aus der beschissenen Situation von Arbeitslosen – aus Armut – Profit geschlagen. Ein neuer Markt. Denn nicht nur die Maßnahmenträger vermehren sich. Leiharbeitsfirmen, private Jobvermittlungen und JobcentermitarbeiterInnen werden aufgestockt. Ebenso wie Sicherheitsdienste zum Schutz der FallmanagerInnen, um die wütenden Hartz-4-erInnen, denen zum x-ten Mal der Antrag nicht genehmigt wurde oder die die sechste Kürzung reingewürgt bekamen, in Schach zu halten. Umbauten der Gebäude werden vollzogen, um die „KlientInnen“ noch isolierter voneinander durch die Bürokratiemaschinerie zu schleusen, mit Türen, die sich nur noch von innen öffnen lassen usw. Kommen wir zurück. Das Standbild gerät langsam wieder in Bewegung. Ich habe mit Beginn der Maßnahme einen Haufen Zettel unterschreiben müssen. Unter anderem die Erlaubnis, dass die Grone Schule mit zukünftigen Arbeitgebern direkt Kontakt aufnehmen dürfe. Dieses habe ich allerdings verweigert. Am Tag zuvor erhielt ich einen Brief von einer Stelle, auf die ich mich zu einer Ausbildung beworben hatte. Ich könne zum Kennenlernen ein einwöchiges Praktikum abhalten. Während der Dozent dabei war, der frustrierten Mitstatistin einzutrichtern, dass ihre Arbeitslosigkeit ja nun mal wirklich rein eine mentale Einstellungssache sei, bin ich auf dem Weg zu „Mami“ um ihr mitzuteilen, dass ich einen Praktikumsplatz habe. Sie erklärte mir, dass ich, um dieses Praktikum machen zu dürfen, zum einen einen Praktikumsvertrag unterschreiben und zum anderen die Erlaubnis geben müsse, dass sie nach dem Praktikum persönlich den potentiellen Ausbilder kontaktieren dürfe, um eine Bewertung über mein Verhalten einzuholen. Hier platzte mir die Geduld. Diese Zustimmung wäre die eindeutige Nivellierung meiner vorherigen Nichtzustimmung, die im Übrigen im Grone Vertrag als freiwillig gekennzeichnet war. Ich wies sie darauf hin, dass ich diese Erlaubnis schon verweigert hätte, dass ich keine 12 Jahre mehr alt sei und ein Grundschulpraktikum absolviere, sondern ein Praktikum bei einer Stelle anfange, die ich mir lange vor dieser Maßnahme gesucht hätte und es die Grone einen Scheiß zu interessieren hat, wie ich dort bewertet werde. Das „mimimi“, was dann kam, war klar. Entweder ich gebe diese Einwilligung, weil es gehöre zum Maßnahmeninhalt, ein Profil über mich zu erstellen, natürlich nur um meine Chancen zu verbessern, oder die Maßnahme sei hinfällig. Ich würde also rausgeschmissen werden und sie tritt nochmal nach: „Ich verstehe nicht, dass Sie sich bei so einer großartigen Chance selbst Steine in den Weg legen?“ Meine Erläuterung , dass ein Rausschmiss einerseits Sanktionen nach sich zieht und andererseits mein Praktikum in Gefahr bringt, dass hier unwürdig und fahrlässig mit Menschen umgegangen wird, indem ihnen permanentes Eigenverschulden an ihrer Situation suggeriert werde, und dass ich diese Demütigung nicht länger akzeptiere, wurde ganz geschult mit pädagogischen Plattitüden begegnet. Da würde ich etwas falsch verstehen, es gäbe in einer Kommunikation ja immer zwei Seiten, das sei meine Meinung, aber sie hätte halt eine andere, man wolle mir nur helfen. In eine Zwangslage gebracht, mich entweder weiter zur Wehr zu setzen und somit meine Nichteinwilligung zu negieren oder mich in der Woche, in der ich eigentlich mein Praktikum machen will, mit Sanktionen herumzuschlagen, verfasste ich kurz einen Schrieb, in dem sinngemäß steht, dass ich nur unter Vorbehalt und unter Androhung von Sanktionen zustimme, dass Kontakt mit der Praktikumsstelle erfolgen könne und der mit dem Satz endet: „Zu dem Zeitpunkt der Zustimmung fehlte mit das nötige Wissen, ob es sich hierbei um eine Verletzung meiner Persönlichkeits- und Datenrechte durch die Grone Schule handelt, und ich somit unter Druck ein Bruch dieser Rechte begehe“. Ich glaube nicht, dass dieses Dokument rechtskräftig ist, aber ich werde schauen, was ich machen kann. Seitdem ich einmal das Jobcenter beim Datenschutzbeauftragten angezeigt hatte, einem Schreiben an mich lag das Widerspruchsschreiben einer mir vollkommen unbekannten Person mit bei und den alltäglichen haufenweise anderen Streitereien mit der ARGE, ist der Stress schon sehr hoch. Mir wird ständig die „Leistung zur Sicherung des Lebensunterhalts“ nicht überwiesen und auf Nachfragen erhalte ich Antworten wie: „Da haben wir wohl vergessen, auf den Überweisungsknopf zu drücken“ (ganz im Ernst, das ist ein Zitat!). Ich komme langsam zum Schluss: Nach dieser nicht sehr erbaulichen Szene platze ich in eine sog. Gruppenarbeit. „Sie segeln mit einer Privatjacht auf dem offenen Meer, etwa 800 Seemeilen südöstlich von Südafrika, als an Bord ein Brand ausbricht. Sie können nur noch die unten aufgelisteten 15 Gegenstände in das einzige vorhandene Rettungsboot mitnehmen. Da das Boot damit aber überlastet ist, müssen Sie sich einigen, welche Artikel Sie wegwerfen und welche Sie behalten wollen. Ihre Aufgabe ist es, diese Gegenstände in eine Rangordnung zu bringen, je nachdem, wie notwendig Sie Ihnen in dieser Situation erscheinen.“ Die Auswertung der Diskussion läuft in genau so wenig überraschenden Bahnen, wie mein Gespräch zuvor. Jede Kleingruppe stellte eineN DelegierteN ab, um sie zu vertreten. Die Person, ein Mann, die sich mit ihrer Meinung durchsetzte, bekommt ein Lob vom Dozenten, dass er „Führungs- und Chefqualitäten“ besitze, weil er sehr überzeugend geredet hätte. „Stimme macht Stimmung“, was anscheinend ein furchtbar wichtiger Satz für den Dozenten ist, er wiederholt ihn mehrere Male. (Unlustigerweise stellte dieses „Gespräch“ auch ganz gut das Geschlechterverhältnis auf dem Arbeitsmarkt dar. Die beiden Diskutantinnen argumentierten, hörten zu, reflektierten, kommunizierten. Der Diskutant erhob seine Stimme, unterbrach und versuchte einfach seine Position durchzuboxen. „Voilà, Sie haben den Job.“). Beim Verlassen des Raumes höre ich noch wie der „Dozent“, im Übrigen ein Ex-Unternehmensberater, einer Frau gut zuspricht, dass – auch wenn sie wenig gesagt hätte – Menschen wie sie aus „anderen Ländern wie Marokko“ ja andere Vorteile hätten: „Ihr habt zum Beispiel schöne Augen.“ Ich bin noch kurz am Überlegen, ob ich doch wieder umdrehe, denke aber, dass meine noch immer brodelnde Wut nicht hier überkochen sollte, weil mein doch sonst sehr beherrschtes Selbst für nichts mehr garantieren kann. Ich habe in den endlos langen Stunden in den stickigen Räumlichkeiten, viel in Foren über solche Maßnahmen gelesen. Der Ort, der Träger alles austauschbar. Acht Stunden täglich Tristesse pur. Langweile, Demütigung, sinnlose pädagogische Spiele, schlechte Luft, überfüllte Räume, Stühle, die einem schon nach fünf Minuten Rückenschmerzen verursachen, von Bewerbungstraining bis zum Lernen. wie man sich richtig die Zähne putzt – alles dabei. Und immer wieder das Eigenverschulden eingebläut bekommen und die Erfolge der Maßnahme, wer nicht schon alles wohin vermittelt wurde. Nicht wenige Einträge in diesen Foren bringen, wenn auch nicht wortwörtlich, den Selbstmord als Ausweg ins Spiel. Somit ist das vom Dozenten immer wieder gerne als Witz angeführte „Recht auf vorzeitiges Ableben“ einfach nur Menschenverachtung pur! Franz Müntefering sagte 2006: „Wer arbeitet, muss was zu essen haben, wer nicht arbeitet, braucht nichts essen.“ Man mag mir vorwerfen, dass ich nachtragend sei, da es ja schon paar Jahre her ist, aber der Herr Müntefering, der trotz dieses Ausspruch noch mehrere Jahre der Bundesvorsitzende der SPD war, ist nicht das Problem. Diese Ideologie hat sich seit dem 16. Jahrhundert tief in das Bewusstsein der bürgerlichen Gesellschaft eingegraben. „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“ Von Luther ( 2. Brief des Paulus an die Thessalonicher) über den Prozess der „Ursprünglichen Akkumulation“, den Liberalismus, über Hayek, der Arbeitslosigkeit nur als Einzelschicksal zu begreifen im Stande war und soziale Gerechtigkeit als marktgefährdende Illusion verdammt, bis in unsere „Marktkonforme Demokratie“ (Merkel 2011) . Und die Stimmung kippt weiter gegen diejenigen, die keine Arbeit haben. Die Stimmung wird kälter und kälter. Wenn ich lese, dass in Bremerhaven dieses Jahr noch ein Pilotprojekt startet, in dem Langzeitarbeitslose bis zu drei Jahre „entgeltfrei“ als Hilfskräfte in Firmen oder als Reinigungskräfte in der Stadt arbeiten sollen und Duisburg gleich mitziehen will, kommt genau diese Ideologie immer offener zum Vorschein. Es wird immer klarer, was uns in der Zukunft blüht, wenn die Zahl der Massenentlassungen weiter anwächst und die, der Jugendlichen, die noch nicht mal mehr „qualifiziert“ genug für einen Ausbildungsplatz sein sollen. Stattdessen wird durch die Versuche, Studierende in Ausbildung zu bringen, die Kluft zwischen denen, die Arbeit bekommen, und den Überflüssigen weiter wachsen und wachsen. Die Zwänge der bürgerlichen Gesellschaft, das Gebot der Selbstoptimierung, der tagtäglichen Konkurrenz, lassen sich gut an den allgemeinen Projektionen offenlegen. In ihnen werden die nicht erfüllten Wünsche deutlich, die am Realitätsprinzip ihre Verdrängung erfahren. Diese nicht erfüllten Wünsche schlagen in Hass auf jene um, die als Zielscheibe der Projektionen herhalten müssen, an denen sich die aufgestaute Spannung entladen kann. Der Todestrieb nimmt nach Freud zwei Gestalten an, die der Regression nach innen und die der Destruktion nach außen. Oh ja, wenn wir hier in solchen Maßnahmen „DozentInnen“ ausgeliefert sind, die anscheinend ihren nicht bewältigten Ödipuskonflikt gnadenlos an Unbeteiligten ausleben können und dafür noch Geld erhalten, wenn dieser Sadismus gesellschaftlich als „Fördern“ und Unterstützung verkauft und gefeiert wird, dann wird die Kälte langsam aber sicher zur nicht mehr überlebbaren Eiszeit. Und ganz ehrlich, lieber will ich verhungern, als immer wieder diesen ekelerregenden und demütigenden Müll fressen zu müssen.“

 

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