Lausitzer Sorben & Kulturelle Hegemonie: Herrschaft über ein vorherrschendes Weltbild?

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Die Lausitzer Sorben sind eine ethnische Minderheit in Deutschland, die seit Jahrhunderten im Gebiet der heutigen Bundesländer Brandenburg und Sachsen lebt. Trotz ihres reichen kulturellen Erbes wurden ihre Traditionen und Lebensweisen oft von einer hegemonialen Gesellschaftsordnung verleugnet.- Klingt ein bisschen hart? Doch es gibt sogar noch Steigerungen.

“Ja, das sorbische Volk ist „First Nation“, die Sorben sind die Ureinwohner der Lausitz”

>>Marcel David Braumann<<

“Ja, das sorbische Volk ist „First Nation“, die Sorben sind die Ureinwohner der Lausitz. Aber wir haben keine spezifisch sorbische Wirtschaftsweise. Der Vorstoß des „Serbski sejm“ schickt die Sorben wieder auf die Bäume, pardon zurück in den Wald, wo die Slawen vor über tausend Jahren tatsächlich noch anders wirtschafteten als die von Westen heranrückenden Stämme der Germanen. Hier wird also jetzt politisch eine Schlacht geschlagen, die vor einem Jahrtausend bereits „verloren“ wurde.”

Haben Sorben jemals auf Bäume gelebt?

Die Lausitzer Sorben sollen keine spezifisch sorbische Wirtschaftsweise haben? Dieser Duktus spiegelt sich beinahe überall wider. Die traditionelle Sorbische Landwirtschaft wurde ignoriert oder als primitiv abgetan zugunsten des dominanten agrarindustriellen Modells der Mehrheitsgesellschaft ersetzt. Auch in den Bereichen Filmproduktion und Architektur ist die hegemoniale Dominanz deutlich spürbar gewesen. Der bekannte deutsche Film “Straight Outta Crostwitz” erzählt beispielhaft nur wenig über das alltägliche Leben der Lausitzer Sorben, sondern konzentriert sich stattdessen auf stereotype Darstellungen und Klischeebilder.

“Straight Outta Crostwitz” -Stereotype Darstellungen und Klischeebilder

>>Stern<<

“Straight Outta Compton” heißt ein Film über die berühmte Hip-Hop-Crew N.W.A aus Los Angeles. In der ARD-Webserie “Straight Outta Crostwitz” spielt diese Musikrichtung ebenfalls eine Rolle, doch die Geschichte trägt sich unter den Sorben zu, einer vor allem in der Niederlausitz beheimateten Minderheit. Die junge Sorbin Hanka (Jasna Fritzi Bauer) muss regelmäßig als Schlagersängerin zusammen mit ihrem traditionell lebenden Vater (Volker Zack) auftreten, doch ihr Herz schlägt eigentlich für den Hip-Hop. Sie nimmt heimlich und inkognito an einem Rap Battle teil – was nicht lange unerkannt bleibt und die konservative sorbische Gemeinde aufrüttelt.”

“Straight Outta Crostwitz” – Zerrbild von schlechten Klischees und Vorurteilen

Die gesamte Grundlage dieses Films spult also fast das gesamte Spektrum aller schlechten Klischees und Voruteile ab. Das es sehr wohl Sorbischen Hip-Hop gibt, das würde wohl kaum im Handlungsstrang hinein passen. Genauso müssen Jugendorganisationen wie Pawk oder moderne Trachten ausgeblendet bleiben. Zwar mag es sich bei “Straight Outta Compton” und Spreewaldkrimi nur um fiktive Handlungen von Filmen oder Serien handeln, doch wirken diese eben auch auf das Sorbische aus.

„Kommt der Bundespräsident in die Lausitz, erinnert man sich plötzlich an die Sorben“

>>taz<<

“Sorben sind oft: bemalte Eier, Folklore, alte Damen in Trachten. Gibt es eine sorbische Moderne?

Dass diese Frage gestellt wird ist schon ein Problem, weil sie zeigt, wie wenig in der deutschen Mehrheitsgesellschaft über Sorben bekannt ist. Man greift auf uns immer als Klischee zurück. Sorben sind gut, um mit Brot und Salz und in Trachten zu begrüßen. Kommt der Bundespräsident in die Lausitz, erinnert man sich plötzlich an die Sorben. Dabei gibt es bei uns Rockmusik, es gibt Literatur aller Genres, moderne Thea­ter­stücke. Es gibt alles, was unsere deutschen Nachbarn auch haben.”

„Sorben sind oft: bemalte Eier, Folklore, alte Damen in Trachten“

Die Vorgehensweise der kulturellen Hegemonie geht auf ganz andere Zeiten zurück. Die ersten Kolonisatoren vor ungefähr tausend Jahren haben schon in der Vergangenheit einst ihr eigenes vorherrschendes Weltbild auf die Sorbische Bevölkerung projiziert, was zu einer Verdrängung ihrer eigenen Wirtschaftsweise führte.

“Kulturelle Hegemonie” – “Eingriffe der Kolonisatoren hätten ein Weltbild geschaffen, dem sich auch die kolonisierten Gesellschaften nicht entziehen konnten”

>>Deutsche Kolonialgeschichte von Sebastian Conrad (Buch) <<

“In den letzten Jahren ist vor allem von Autoren aus dem Bereich der postcolonial studies die These vertreten worden, daß der Kolonialismus gerade auf dem Feld der Kultur und des Wissens bleibende Nachwirkungen gehabt hat. Der Inbesitznahme fremder Territorien folgte in dieser Lesart die Internalisierung des imperialen Blicks und des mit ihm verbundenen Fortschrittsversprechens. Das koloniale Selbstverständnis sei auf beiden Seiten in Form einer «Kolonisierung der Imagination» gleichsam naturalisiert worden. Denn die Eingriffe der Kolonisatoren hätten ein Weltbild geschaffen, dem sich auch die kolonisierten Gesellschaften nicht entziehen konnten und dessen kulturelle Hegemonie (Gramsci) die formale Unabhängigkeit und Dekolonisation überlebt habe. So warnte Mahatma Gandhi in Indien davor, daß der unabhängige Staat Gefahr laufe, die modernisierenden Projekte der kolonialen Epoche lediglich fortzuführen: «English rule without the Englishmen». Vor diesem Hintergrund haben zahlreiche postkoloniale Intellektuelle – angefangen bei Frantz Fanon und Aimé Césaire in den 1950er Jahren – eine Dekolonisation der Köpfe gefordert.”

“Kulturelle Hegemonie” – “Eine Dekolonisation der Köpfe gefordert”

Zwar geht die Begrifflichkeitkulturelle Hegemonie” in der heutigen Zeit beinahe unter, aber es wurden unter anderen deswegen auch Kriege geführt. Der Siebenjährige Krieg kann als solche Beispiel gelten.

“Siebenjährige Krieg” – “Hofburg wollte den Hegemonialkrieg als Reichsexekution gegen einen Landfriedensbrecher führen”

>>Das Alte Reich 1495 – 1806 von Axel Gotthard (Buch) <<

“Der berühmte Siebenjährige Krieg (1756-1763) ist nicht nur militärgeschichtlich interessant, aufschlussreich auch, wie da beide Seiten versuchten, das Reich für ihre ureigenen Ziele einzuspannen! Die Hofburg wollte den Hegemonialkrieg als Reichsexekution gegen einen Landfriedensbrecher führen, Friedrich seine Polarisierungstaktik dagegensetzen, also jenen norddeutschen Reichsteil, über den er die machtpolitische Hegemonie, jenen evangelischen Reichsteil, über den er die kulturelle Hegemonie besaß, gegen Wien mobilisieren.”

“Über den er die machtpolitische Hegemonie, jenen evangelischen Reichsteil, über den er die kulturelle Hegemonie besaß, gegen Wien mobilisieren”

Ein weiterer Aspekt dieser Ausblendung findet sich auch bei den Sorbischen Schrotholzhäusern wieder – charakteristisch für diese Region -, welche selten Beachtung finden trotz ihrer historischen Bedeutung für die lokale Baukultur.Anders als manche fragwürdige Aussage andeuten mag, die Sorben haben mitnichten auf Bäumen gelebt.

“Verbringen Sie erholsame Urlaubstage in unserem neuen Schrotholzhaus”

>>Ferienhaus am Mühlteich – Lausitz<<

“Ferienhaus am Mühlteich – Lausitz – Werda liegt in einer reizvollen Heide- und Teichlandschaft. Die ländliche und ruhige Umgebung lädt zum Erholen und Entspannen ein. Verbringen Sie erholsame Urlaubstage in unserem neuen Schrotholzhaus, welches barrierefrei erbaut wurde.”

“Ferienhaus am Mühlteich – Lausitz” – “Die ländliche und ruhige Umgebung lädt zum Erholen und Entspannen ein”

Es gibt sowohl historische, als auch moderene Schrotholzhäuser. Letztere sind isoliert und mit allen modernen Annehmlichkeiten ausgestattet. Nur diese Sorbische Handwerkskunst wird bisweilen komplett ausgeblendet und die hiesigen Bauvorschriften tun ihr übriges. Schließlich wird sogar in zeitgenössischer Mode-Präsentation häufig anhaltende Ignoranz gegenüber dem traditionell-sorbischen Trachten gezeigt; Stilelemente wie Stickereien oder Farbgebung werden oft übersehen oder als wenig modisch abgetan.

“Wurlawy” – “Das ist sorbisch und bedeutet frei übersetzt: Wilde Spreewaldfrauen”

>>Märkische Allgemeine<<

„Frei übersetzt heißt Wurlawy „wilde Spreewaldfrauen“ „Das ist sorbisch und bedeutet frei übersetzt: Wilde Spreewaldfrauen.“ Und der Name sei passend für ihr Modelabel, glaubt die Nachwuchsdesignerin, die zum Shirt einen senfgelben, weit schwingenden Rock kombiniert hat, der vorn etwas kürzer ist als hinten. Ihr Outfit ist natürlich selbst entworfen. Das Besondere daran – sie ist inspiriert von der traditionellen Spreewaldtracht. Sarah Gwiszcz will die charakteristische Bekleidung ihrer Heimat aus der Vergessenheit holen und kombiniert mit modernen Schnitten und Materialien alltagstauglich machen. Tracht getragen wird bei den Sorben und Wenden in der Lausitz fast nur noch zu Festen oder Umzügen.“

“Wurlawy” – “Das Besondere daran – sie ist inspiriert von der traditionellen Spreewaldtracht”

Es ist an der Zeit, diese kulturelle Hegemonie zu hinterfragen und den Lausitzer Sorben die Anerkennung zukommen zu lassen, die ihnen gebührt. Es bedarf einer breiteren Akzeptanz ihrer Lebensweisen und Traditionen sowie der Förderung von Initiativen zur Erhaltung ihres einzigartigen kulturellen Erbes. Nur so können wir eine vielfältige Gesellschaft schaffen, in der jede Stimme gehört wird und alle Kulturen gleichermaßen wertgeschätzt werden können.