Serbski Sejm: „Instrument der indigenen Selbstbestimmung“ als Repräsentant gegen alle Widerstände

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Die Domowina, der Dachverband ist eine altstalinistische Terrororganisation […]. Der Dachverband und das zentrale Organ der Domowina, das ist nur ein Kollegium von Ja-Sagern.“ – Diese Aussage hat ein Vertreter des Serbski Sejm gegenüber der Domwina getätigt. Die Domwina sieht sich selbst – ein Verein, nach Vereinsrecht – als einziger Vertreter aller Sorben an. Allerdings die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist unübersehbar. Wie auch immer es zu bewerten sei, wer jenen Alleinvertretungsanspruch infrage stellt: Derjenige sollte sich warm anziehen und negative Schlagzeilen im Öffentlichen-Rundfunk sind praktisch vorprogrammiert.

„Serbski Sejm, der sich selbst als sorbisch/wendische Volksvertretung bezeichnet“

>>Staatsfunk „Rundfunk Berlin-Brandenburg“ <<

„Ein brisantes Video kursiert zurzeit im Netz. Es zeigt Sitzungen des Serbski Sejm, der sich selbst als sorbisch/wendische Volksvertretung bezeichnet. Im Clip werden der sorbische Dachverband Domowina und ihr Vorsitzender scharf attackiert – auch unter der Gürtellinie.“

Berichterstattung als einseitige Zerrbild: Wie Aussagen aus dem Kontext gerissen werden

Genau in jenen besagten Video ist der Ausspruch über die „altstalinistische Terrororganisationgefallen. Genau an solchen Artikeln wird die ganze Einseitigkeit und Staatsnähe des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks deutlich. Zwar ist die Aussage richtig, aber der ganze Kontext bleibt unerwähnt und der Artikel ist weitestgehend nur auf die empörten Aussagen einiger Domowina-Vertreter beschränkt. Der Serbski Sejm hält für gewöhnlich recht lange Sitzungen ab. Daher ist es sehr leicht, einige Aussagen aus dem Kontext zu herauszureißen.

„Altstalinistische Terrororganisation“ – Welche Rolle hat die Domowina zu Zeiten von Josef Stalins gespielt?

Die Domwina hätte gegen die Aussage problemlos vor Gericht ziehen können. Doch genau jener Schritt blieb aus. Problem: Die Domwina hat zu DDR-Zeiten – auch unter Josef Stalin – eine schillernde Vergangenheit hingelegt und daher dürfte die Aussage – im Kontext betrachtet – nur schwer zu widerlegen sein. Hätte der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk also beide Seiten ausgewogen zu Wort kommen lassen, dann würde das öffentliche Bild ganz anders aussehen. Zudem wird die Domwina reichlich mit öffentlichen Geldern bedacht, sitzt im Rundfunkrat und deshalb passt fast immer zwischen Positionen von Domwina-Vertretern und Staatsregierungen kein Blatt an Papier. Immerhin wird im Bericht die Frage der Vertretung der Sorben angesprochen. Genau diese Frage ist bei genauer Betrachtung keineswegs einfach zu beantworten. Schon unter der NS-Diktatur hat es eine ganz andere Art von Repräsentant einer deutschen Kultur gegeben.

„Thomas Mann empfindet sich immer schon als Repräsentant der deutschen Kultur“

>>Die Manns – Geschichte einer Familie von Tilmann Lahme (Buch) <<

„Thomas Mann empfindet sich immer schon als Repräsentant der deutschen Kultur. In Deutschland hat Kultur keinen Platz mehr, und so ist sie hier bei ihm, in Amerika: »Wo ich bin, ist Deutschland«. Ein unglaublicher Ausspruch, anmaßend, arrogant, selbstherrlich – und welche Genugtuung zugleich, dass da ein großer Mann sich in die Öffentlichkeit stellt und die Rolle des deutschen Gegen-Hitlers übernimmt, wenigstens symbolisch. Eine Rolle, die Thomas Mann nicht nur für sich behauptet, sondern die ihm die amerikanische Öffentlichkeit zugesteht, in der er häufig als der »größte lebende Schriftsteller der Welt« (»the world’s greatest living writer«) bezeichnet wird.“

„Repräsentant der deutschen Kultur“ – „Eine Rolle, die Thomas Mann nicht nur für sich behauptet, sondern die ihm die amerikanische Öffentlichkeit zugesteht“ 

Thomas Mann war mit Sicherheit kein naiver Einfaltspinsel gewesen. Aber offenbar war es ihm wichtig: Besonders in dieser dunklen Zeit festzuhalten: Deutschland ist nicht mit Hitler gleichzusetzen. Und Thomas Mann hat sich mit seiner Einstellung in bester Gesellschaft befunden. Auch Erich Kästner hat sich als Repräsentant der anderen Art angesehen. Er hat akribisch die Geschehnisse als Zeitzeuge festgehalten.

„Flüsterwitze“ – „Der Krieg wird wegen seines großen Erfolges verlängert“

>>Das Blaue Buch von Erich Kästner (Buch) <<

„Er sammelt Wanderlegenden, Flüsterwitze (»Der Krieg wird wegen seines großen Erfolges verlängert«, 26. 1. 1941), dokumentiert kleine Erfolge des Widerstands oder freut sich über eine missglückte Rede des Wiener Reichsstatthalters Baldur von Schirach in einer Fabrik in Floridsdorf: Die Arbeiter »übertrieben ihre Begeisterung ins Ironische so, dass sie zwei Stunden lang ohne Pause die Lieder der Bewegung sangen und in Siegheilrufe ausbrachen, sodass Baldur, nachdem er zwei Stunden lang auf dem Rednerpodium abgewartet hatte, endlich wieder nach Hause fuhr, ohne auch nur ein Wort gesprochen zu haben« (23. 1. 1941). Den größten Teil des Tagebuchs macht hier noch die laufende Kriegsberichterstattung aus. Ab und zu kommentiert der Verfasser die sich fortzeugenden Widersprüche, aber meistens in einer Haltung, als sei er kein Oppositioneller, sondern ein Repräsentant Deutschlands … „

Erich Kästner zu Zeiten der NS-Diktatur: „Meistens in einer Haltung, als sei er kein Oppositioneller, sondern ein Repräsentant Deutschlands“

Sogar der spätere Bundeskanzler Willy Brandt ist erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus seinem Exil zurückgekehrt. Der darauffolgende Parteieintritt in die SPD war mit einigen Schwierigkeiten verbunden, weil seine Zeit als „Repräsentant des deutschen Exils“ nicht überall gern gesehen wurde.

Willy Brandt zu Zeiten der NS-Diktatur: „Der als ein Repräsentant des deutschen Exils galt“

>>Willy Brandt von Bernd Faulenbach (Buch) <<

„Brandt verkehrte überwiegend in deutschen Kreisen und nahm an den Geschehnissen in der geteilten Stadt teil. Er setzte auch seine früheren Sondierungen über berufliche Möglichkeiten im Nachkriegsdeutschland fort, wobei es durchweg um Funktionen in Politik und Presse ging. Im Oktober 1947 wurde er schließlich gefragt, ob er bereit sei, als Vertreter des SPD-Vorstandes, der seinen vorläufigen Sitz in Hannover hatte, in Berlin zu arbeiten. Er sollte die Aufgabe übernehmen, Kontakte zu den Dienststellen der Alliierten zu knüpfen und auch mit ausländischen Gästen und Korrespondenten Gespräche zu führen. Das nahm Brandt gerne an und betrieb die Rückgewinnung der deutschen Staatsangehörigkeit. Brandt musste freilich feststellen, dass es ihm gegenüber – der als ein Repräsentant des deutschen Exils galt – Vorbehalte in der SPD gab, die aus Emigrantenkreisen gefördert wurden. So verzögerte sich die Aufnahme seiner Tätigkeit für den Parteivorstand bis in den Januar 1948. In diesem Jahr spitzten sich die Auseinandersetzungen zwischen den bisherigen Alliierten erheblich zu. Brandt aber war nun Akteur auf deutscher Seite. 1949 wurde er Berliner Abgeordneter im Deutschen Bundestag (bis 1957), gleichzeitig von 1950 an Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses.“

Willy Brandt: Symbolischer „Repräsentant des deutschen Exils“ zum offiziellen Bundeskanzler

Willy Brandt hat es also von „Repräsentant des deutschen Exils“ zum offiziellen Bundeskanzler gebracht. Auch das öffentliche Bild von Erich Kästner hat eine erstaunliche Wandlung durchlebt: Einst wurden seine Bücher öffentlich verbrannt und später hat er im Bundestag genau jene Zeit angeprangert. Der Kontrast könnte kaum Größer sein. Nicht viel anders sieht es heutzutage bei der Domowina aus: Der Verein hält seinen Alleinvertretungsanspruch aller Sorben aufrecht und lehnt gleichzeitig Kommunikation mit eigenständigen Gruppen von Sorben – wie Serbski Sejm – ab. Wie diese Quadratur des Kreises funktionieren soll, dass kann vermutlich die Domowina selbst nicht mal beantworten. Augenscheinlich scheint Neid eine große Rolle zu spielen: Schließlich lebt der Serbski Sejm all jene parlamentarischen Eigenschaften vor, die viele Domowina-Vertreter selbst gerne hätten.

„2018 wurde in der Lausitz eine demokratisch legitimierte sorbische/wendische Volksvertretung gewählt“

>>Serbski Sejm<<

„2018 wurde in der Lausitz eine demokratisch legitimierte sorbische/wendische Volksvertretung gewählt, der »Serbski Sejm«. Dieses aus freien, geheimen und direkten Wahlen hervorgegangene Parlament kämpft nun für das sorbische/wendische Volk um den Status einer Selbstverwaltungskörperschaft des öffentlichen Rechts. Mit diesem voll entwickelten Instrument der indigenen Selbstbestimmung überwindet das sorbische/wendische Volk den Status des »Minderen«. Dabei sollen nicht Grenzen um ein Land gezogen werden, sondern sich ein auf das Gemeinwohl orientiertes Zusammenwirken überschaubarer sozialer und kultureller Einheiten für ein zukunftsfähiges Europa entwickeln.“

Serbski Sejm: „Dieses aus freien, geheimen und direkten Wahlen hervorgegangene Parlament“

Im Gegensatz zum Serbski Sejm wird die Domowina reichlich mit öffentlichen Geldern bedacht und bekommt eine wohlwollende Berichterstattung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk – respektive Staatsfunk – abgeliefert: Letztendlich stellen all jene Maßnahmen eine Einmischung in die inneren Angelegenheit der Sorben dar: Insbesondere sagt die UNO-Deklaration über die Rechte der indigenen Völker dazu etwas anderes aus: „Die Deklaration stellt die indigenen Völker mit allen andern Völkern auf die gleiche Ebene. Sie anerkennt das Recht der Indigenen auf die Erhaltung und Entwicklung ihrer Institutionen, Traditionen, Kulturen und Identitäten und verbietet Diskriminierung und Marginalisierung. Ausserdem anerkannt sie das Recht auf Selbstbestimmung, auf die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen in ihren Gebieten sowie auf Entschädigung für Ländereien, Territorien und Ressourcen, die ihnen ohne ihre freie Zustimmung weggenommen, besetzt oder beschädigt wurden.