Desinformationen: Was hätten Goethe und Kant über die geistige Versklavung in der modernen digitalen Welt gesagt?

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Zitat von Johann Wolfgang von Goethe: “Niemand ist hoffnungsloser versklavt als jene, die fälschlicherweise glauben, frei zu sein.” – Schon zu Goethes-Zeiten hat die offene Sklaverei in Europa eher eine untergeordnete Rolle gespielt: Es war wohl eher eine Art von geistiger Sklaverei gemeint. Auch der Philosoph Immanuel Kant hat zu „Sapere Aude“ aufgerufen, also: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ –

„Niemand ist hoffnungsloser versklavt als jene, die fälschlicherweise glauben, frei zu sein“

Gerade in der heutigen Zeit von Falschnachrichten und gezielten Desinformationen scheint es nötiger als denn je zu sein und manche ist es hilfreich: Einen Schritt zurück zu gehen. Die beiden herausragenden Intellektuellen – Goethe und Kant – waren sicherlich noch stark durch die Aufklärung geprägt worden.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“

>>Universität Wien<<

„Aufklärung – Erläuterungen –

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

[zit. n. TWARDOSZ], so definiert Immanuel Kant, selbst ein Kind dieser Zeit, den Begriff der Aufklärung.“

„Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“

Sapere aude!“ – Der Wahlspruch der Aufklärung hat offenkundig in heutiger Zeit an Bedeutung gewonnen. Gerade die modernen medialen Wirklichkeit ist mit vielen Problemen gleichzeitig konfrontiert. Neben Falsch- und Desinformationen ist eine regelrechte Flutung von Belanglosigkeit zu beobachten. Zu allen Überfluss kommen noch ganz andere Spieler hinzu.

„Bundesnachrichtendienst muss der Presse Auskunft über Hintergrundgespräche mit Journalisten erteilen“

>>Bundesverwaltungsgericht<<

„Bundesnachrichtendienst muss der Presse Auskunft über Hintergrundgespräche mit Journalisten erteilen – Der Kläger ist Journalist und Redakteur einer Tageszeitung. Er gehört dem Kreis der von dem BND für Hintergrundgespräche berücksichtigten Journalisten nicht an.“

„Er gehört dem Kreis der von dem BND für Hintergrundgespräche berücksichtigten Journalisten nicht an“

Der Bundesnachrichtendienst ist keiner wie auch immer gearteten „Wahrheitspflicht“ unterlegen. Die über sogenannte Hintergrundgespräche mit ausgewählten Journalisten gestreuten Informationen müssen keinesfalls der „Wahrheit“ entsprechen. Nur ist das Gegenteil fast nie zu beweisen und zumeist nicht mal der Urheber zu überführen. So lassen sich Massenweise an Falschinformationen streuen. Diese Desinformationen sind meist nicht willkürlich gewählt, sondern häufig wird damit ein konkretes Ziel verfolgt. In der Regel sollen bestimmte Gruppen oder Personen damit sich gegenseitig diskreditiert oder der Lächerlichkeit preisgegeben. Ein solches Beispiel dürfte die sogenannten „Flacherde-Anhänger“ sein.

Mit gezielten Falschinformationen sich der Lächerlichkeit preisgeben

>>Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (Satire) <<

„Die Erde ist eine Kugel. Dachte man jedenfalls bisher. Doch „Flacherde-Anhänger“ sind davon überzeugt: Unser Planet ist in Wirklichkeit eine Scheibe. Aufgrund zahlreicher Nachfragen, was denn nun stimmt, haben wir das mal näher untersucht.“

„Flacherde-Anhänger“ – „Unser Planet ist in Wirklichkeit eine Scheibe“

Zwar ist der Beitrag als Satire gekennzeichnet, aber die Problematik dahinter ist durchaus real. Doch wie werden solche Ideen eigentlich erzeugt und verbreitet? – Die Antwort könnte an Banalität kaum einfacher sein: Über die sozialen Medien.

„Durch YouTube zum Flat Earther“

>>Netzpiloten<<

„Durch YouTube zum Flat Earther – Grundlage der Studie sind Interviews mit 30 Teilnehmern der Flat Earth Conference, der größten Konferenz der Flat Earth-Bewegung. Zugegeben, 30 Interviews sind keine stichhaltige Basis, trotzdem sind die Erkenntnisse aus den Interviews sehr interessant. So gaben 29 der 30 Befragten an, durch YouTube-Videos überzeugt worden zu sein.“

„Flat Earth-Bewegung“ – „So gaben 29 der 30 Befragten an, durch YouTube-Videos überzeugt worden zu sein“

Diese entsprechenden Videos wurden mit viel Aufwand hergestellt. Zwar kann ein simples Videoschnittprogramm auch ein Minderjähriger bedienen, aber bei komplizierten 3D-Animationen wird die Luft schon ziemlich dünn. Diejenigen hätten ihre Talente gewiss viel Gewinnbringender zum Einsatz bringen können. Wie dem auch sei: Jedenfalls wurde das vermutete Ziel erreicht: Verschiedene Leute haben sich untereinander in die Haare bekommen und gleichzeitig der Lächerlichkeit preisgegeben. Zugleich wurde eine Steilvorlage für Verbote gegen „Falschinformationen“ geschaffen. Zumindest wurden Kants Worte mit der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ erneut mit neuen Leben gefüllt. Doch die zugrundeliegende Taktik ist noch viel älter.

Sun Tsus: „Der Gipfel der Geschicklichkeit“ – „Ohne jeden Kampf einen Feind zu unterwerfen“

>>Die Macht der Geheimdienste von Uwe Klußmann & Eva-Maria Schnurr (Buch) <<

„Sun Tsus Idee war die eines – fast – immateriellen Krieges. Er wollte so wenig Menschenleben wie möglich riskieren, auf teure Waffen verzichten, Geld sparen. »Der Gipfel der Geschicklichkeit« sei es, notierte er, »ohne jeden Kampf einen Feind zu unterwerfen«. Für eine solche Strategie sei eines unabdingbar nötig – »Vorauswissen«. Dies könne »weder von Geistern noch von Göttern erfahren« werden, »noch durch Berechnungen«. Nur von Menschen, die »die Feindlage gut kennen«: Geheimagenten. Mehrere Agententypen zählt er auf: eigene Leute, Doppelagenten, Überläufer, solche, die beim Gegner für Verwirrung sorgen sollen. Es sind Charaktere, die auch weit über zwei Jahrtausende später im angeblich zweitältesten Gewerbe noch unterwegs sind. Und die, je nach Auftrag, auch heute noch Sun Tsus Tricks und Finten nutzen: Täuschung, Tarnung, Ablenkung, Desinformation, denn: »Die ganze Kriegskunst basiert auf List und Tücke.«

Sun Tsus: „Täuschung, Tarnung, Ablenkung, Desinformation“ – „Die ganze Kriegskunst basiert auf List und Tücke“

Kurzum: Der Gegner soll denken, was er denken soll und dort stehen, wo er stehen soll: Deshalb werden gezielt Falschinformationen – und auch richtige Informationen – gestreut. Am Ende wird der Feind nicht als Feind mit Waffen bekämpft, sondern als vermeintlicher Befreier mit Applaus empfangen. Oder anders: Diese Leute denken nicht selbst, sondern werden von Dritten gedacht oder nach Immanuel Kant: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.