„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“

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Hartz IV sei ein gelungenes Gesamtwerk, das nun nur noch ein wenig poliert werden müsse … “ – Das hat ein hochrangiger Politiker gesagt und diese „Polierarbeit“ dauert nun schon einige Zeit an. Jemand anderes wird noch deutlicher: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ – In einer anderen Version ist dieses Zitat abgewandelt überliefert: „Wer arbeitet, soll etwas zu essen haben, wer nicht arbeitet, braucht nichts zu essen.

„Hartz IV sei ein gelungenes Gesamtwerk, das nun nur noch ein wenig poliert werden müsse … „

Teilweise wird diese Form von Arbeitszwang aus der Bibel hergeleitet, womit gewissermaßen eine Rechtfertigung oder Erklärung aufgebaut werden soll. Allerdings ist dieses Zitat völlig aus dem dazugehörigen Kontext gerissen.

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ – Wirklich ein christlicher Ausspruch?

>>Deutsche Bibel Gesellschaft<<

„Wir gebieten euch aber, liebe Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr euch zurückzieht von jedem Bruder, der unordentlich lebt und nicht nach der Lehre, die ihr von uns empfangen habt. Denn ihr wisst, wie ihr uns nachfolgen sollt. Denn wir haben nicht unordentlich bei euch gelebt, haben auch nicht umsonst Brot von jemandem genommen, sondern mit Mühe und Plage haben wir Tag und Nacht gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen. Nicht, dass wir dazu nicht das Recht hätten, sondern wir wollten uns selbst euch zum Vorbild geben, damit ihr uns nachfolgt. Denn schon als wir bei euch waren, geboten wir euch: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. Denn wir hören, dass einige unter euch unordentlich leben und nichts arbeiten, sondern unnütze Dinge treiben. Solchen aber gebieten wir und ermahnen sie in dem Herrn Jesus Christus, dass sie still ihrer Arbeit nachgehen und ihr eigenes Brot essen.“

„Einige unter euch unordentlich leben und nichts arbeiten, sondern unnütze Dinge treiben“ – „Ihr eigenes Brot essen“

In dieser Passage ist kein Leben im Staate, sondern das Leben innerhalb einer christlichen Gemeinschaft – ein entscheidender Unterschied – beschrieben. Im Endeffekt wird gesagt, wer davon nicht Teil sein will: Derjenige soll sein „eigenes Brot essen“ . Außerdem wird klar zwischen Staat und einer christlichen Gemeinschaft unterschieden: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist

„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“

Zumindest lassen sich Vergleiche von christlichen Schriften und Auswüchsen des Hartz-IV-Systems als Ausdruck einer sehr kreativen künstlerischen Freiheit werten. Doch worum geht es im Kern bei der Aussage: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ wirklich?

„Ein-Euro-Jobs“ – „Besonders billige Arbeitskräfte“

>>Stern<<

„Ein-Euro-Jobs – „Besonders billige Arbeitskräfte“ – In Deutschland arbeiten viele Arbeitslose für einen Euro pro Stunde. Was im Rahmen von Hartz-IV als „Rückführung an den Arbeitsmarkt“ gedacht war, wird immer öfter als billige Personalquelle missbraucht.“

„Ein-Euro-Jobs“ – „Immer öfter als billige Personalquelle missbraucht“

Tatsächlich halten die Jobcenter ihre eigenen Vermittlungserfolge hoch. Meist werden Arbeitslose nicht in reguläre Arbeit, sondern in sogenannte Maßnahmen vermittelt. Darunter sind häufig Ein-Euro-Jobs anzutreffen.

„Der Bundesrechnungshof (BRH) rügt schon lange, dass Ein-Euro-Jobber Aufgaben der öffentlichen Hand übernehmen“

>>Süddeutsche Zeitung<<

„Der Bundesrechnungshof (BRH) rügt schon lange, dass Ein-Euro-Jobber Aufgaben der öffentlichen Hand übernehmen. … kritisierte der BRH, dass Jobcenter den Hartz-IV-Empfängern „meist wahllos Arbeitsgelegenheiten“ zuwiesen, sodass Kommunen, Wohlfahrtsverbände oder Firmen „ungeförderte Tätigkeiten im ersten Arbeitsmarkt durch öffentliche geförderte Beschäftigung ersetzen und so ihre Personalkosten reduzieren“. … „

„Ungeförderte Tätigkeiten im ersten Arbeitsmarkt durch öffentliche geförderte Beschäftigung ersetzen und so ihre Personalkosten reduzieren“

Diese Ein-Euro-Jobs haben natürlich wenig mit Freiwilligkeit zu tun: Denn eine Weigerung kann – per einfachen Verwaltungsakt – zur kompletten Streichung aller Bezüge führen. Die Aussage: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ ist also bitter ernst gemeint.

„Die sogenannten 1-Euro-Jobs werden vom Jobcenter zugewiesen“

>>Deutscher Gewerkschaftsbund <<

„Die sogenannten 1-Euro-Jobs werden vom Jobcenter zugewiesen. Die Weigerung, eine Arbeitsgelegenheit (1-Euro-Job) anzunehmen, gilt als Pflichtverletzung. … Weigert man sich trotz Belehrung über die Rechtsfolgen, eine zumutbare Arbeitsgelegenheit auszuführen, ohne für sein Verhalten einen wichtigen Grund zu haben (§ 31 SGB II), wird das Arbeitslosengeld II nach den Regelungen des § 31a SGB II durch Verwaltungsakt abgesenkt oder es fällt komplett weg.“

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ – Was passiert bei einer Ablehnung des 1-Euro-Jobs?

Das böse Wort der „Zwangsarbeit“ wird in jenen Zusammenhang tunlichst vermieden und jede Art von Vergleich mit empörter Mine zurückgewiesen. Trotzdem drängt sich die Frage auf: Weshalb wurde überhaupt der Anglizismus des „1-Euro-Job“ verwendet? – Vielleicht weil das Wort „Freiwilliger Arbeitsdienst“ auf zu viele Parallelen hinweisen würde?

„Der 1931 gegründete Freiwillige Arbeitsdienst (FAD) war ein staatliches Beschäftigungsprogramm“

>>Johannes Gutenberg-Universität Mainz<<

„Der 1931 gegründete Freiwillige Arbeitsdienst (FAD) war ein staatliches Beschäftigungsprogramm für junge Arbeitslose im Alter von 18 bis 25 Jahren. Über einen begrenzten Zeitraum leisteten junge Männer wie auch Frauen freiwillig gemeinsame Arbeiten, häufig in extra dafür errichteten Arbeitslagern.“

Freiwillige Arbeitsdienst: „Junge Männer wie auch Frauen freiwillig gemeinsame Arbeiten, häufig in extra dafür errichteten Arbeitslagern“

Die Machtübernahme der Hitler-Partei NSDAP sollte erst im Jahre 1933 erfolgen. Der sogenannte Freiwillige Arbeitsdienst wurde aber schon in der Weimarer Regierung unter der Kanzlerschaft von Brüning eingerichtet. So wirklich „freiwillig“ war der Freiwillige Arbeitsdienst selbstredend mitnichten gewesen.

„Freiwillige Arbeitsdienst (FAD), der 1931 eingerichtet wurde, stellte ein Beschäftigungsprogramm der Reichsregierung für Erwerbslose dar“

>>Stadt Köln<<

„Der Freiwillige Arbeitsdienst (FAD), der 1931 eingerichtet wurde, stellte ein Beschäftigungsprogramm der Reichsregierung für Erwerbslose dar. … Durch eine Notverordnung vom 5. Juni 1931 wurde die Förderung des Freiwilligen Arbeitsdienstes (FAD) zur Aufgabe der Reichsanstalt für Arbeit. Da mit der gleichen Notverordnung drastische Leistungskürzungen und ein Ausschluss vor allem von Jugendlichen unter 21 Jahren verbunden waren, galt die Freiwilligkeit des Arbeitsdienstes von Anfang an nur für jene, die es sich leisten konnten, ihn abzulehnen.“

„Freiwilligkeit des Arbeitsdienstes von Anfang an nur für jene, die es sich leisten konnten, ihn abzulehnen“

Die Erfindung des Freiwillige Arbeitsdienst stellt sicherlich keine herausragende geistige Leistung dar. Schon im Mittelalter waren die Hand- und Spanndienste obligatorisch. Je desaströser die wirtschaftliche Lage ausfiel, desto häufiger waren diese Formen der Arbeitspflicht in der Geschichte aufgetreten. Aus dieser historischen Erfahrung wurde ursprünglich der Artikel 12 des Grundgesetzes geschaffen: „Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig.