Wie Industriewindkraftanlagen das kulturelle Leben der Lausitzer Sorben beeinträchtigen

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Windräder sind keine Landplage“ – oder etwa doch? – Immerhin haben es Domowina-Vertreter das durchaus beachtenswerte psychologische Kunststück fertig gebracht: Kein Windrad in der Lausitz offensichtlich jemals entdeckt zu haben: Zumindest sticht dieses Thema in der öffentlichen Wahrnehmung durch sichtbare Nicht-Beachtung hervor.  Da weite Teile des Sorbischen Lebens sich im ländlichen Raum abspielen, dürften bei den allermeisten Sorben die Gemüter bei soviel Gleichgültigkeit hochkochen.

„Windräder sind keine Landplage“ – oder etwa doch?

>>Christine Keilholz<<

„Windräder sind keine Landplage – Windkraft wollen alle, Windräder will aber keiner. … Die Anlagen müssen irgendwo stehen. Und wo sie stehen, erregen sie verlässlich Anstoß. Die Lausitz ist dafür ein gutes Beispiel. … Aber so beliebt wie die Windkraft im Allgemeinen ist das Windrad im Speziellen nicht.“

Industriewindkraftanlagen: Warum die reiche-urbane Großstadtbevölkerung diese unbedingt haben will

Windkraft ist nicht gleich Windkraft: Gegen historische Windmühlen oder kleine Windkraftanlagen zur Eigenversorgung dürften die allerwenigsten Menschen etwas einzuwenden haben. Der eigentliche Stein des Anstoßes geht vielmehr durch die unübersehbaren riesigen Industriewindkraftanlagen aus. Zugleich werden diese Anlagen für viele Bewohner des urbanen Raumes häufig als zeitgemäße Ersatzreligion angesehen und die riesigen Windräder haben die Funktion von Kathedralen übernommen. Deshalb dürfte ein Bewohner des Berliner Regierungsviertels von der Problematik wenig Notiz nehmen. Ganz anders sieht die Situation für die Lausiter Sorben: Schließlich müssen sie im ländlichen Raum in unmittelbarer Nachbarschaft mit ihnen leben.

„Die Lausitz ist zum einen ein ländlicher Raum und zum Zweiten die Heimat der Sorben“

>>Deutschlandfunk<<

„Als Vorsitzender des Bundes Lausitzer Sorben will … das kulturelle Erbe der Sorben erhalten oder eigentlich mehr noch – wiederbeleben.

„Die Lausitz ist zum einen ein ländlicher Raum und zum Zweiten die Heimat der Sorben. Wir als Sorben bieten uns als ein regionaler Faktor an, als eine Besonderheit. Wir sehen in Europa viele Regionen, wo das gelungen ist, beispielsweise Wales und Südtirol, in denen man ganz klar sagen kann – wir sind ein Akteur, den man auch nicht vergessen darf.“

„Kulturelle Erbe der Sorben erhalten oder eigentlich mehr noch – wiederbeleben“

Ob diese Vergleiche wirklich gerechtfertigt seien? – Immerhin kann Wales seit 1999 auf ein eigenes Parlament verweisen. Gleiches trifft auf Südtirol zu. Aber gerade die Domowina – respektive Bund Lausitzer Sorben – hat sich ausdrücklich gegen mehr Demokratie ausgesprochen. In Wirklichkeit stellt die Domowina nur eine kleine Minderheit innerhalb der Sorbischen Minderheit dar. Die Organisation ist als Verein organisiert und die Vereinssatzung lässt für Mitbestimmung wenig Raum übrig. Zumal deren befremdlich wirkenden Delegiertenwahlen eher okkulten Charakter aufweisen. Sorbe oder Nicht-Sorbe: Wer Kritik übt, derjenige ist ganz schnell draußen.

Wales & Südtirol: Warum es dort Parlamente und gewählte Volksvertreter gibt?

Die Domowina will zwar nach außen hin „das kulturelle Erbe der Sorben erhalten oder eigentlich mehr noch – wiederbeleben“ – doch in der gelebten Praxis ist häufiger das genau das Gegenteil zu beobachten. Das lässt sich an ganz konkreten Taten oder Unterlassungen festmachen. Ein Gerichtsurteil aus Norwegen – bezüglich der dortigen Minderheit Samen – sollte zu denken geben.

„Oberstes Gericht in Norwegen erklärt zwei Windparks für unzulässig“

>>Frankfurter Allgemeine Zeitung<<

„Oberstes Gericht in Norwegen erklärt zwei Windparks für unzulässig – In Norwegen hat das Oberste Gericht die Betriebslizenz für zwei Windparks wegen Missachtung der Rechte der Ureinwohner für ungültig erklärt. Die Windparks in Storheia und Roan in Zentralnorwegen beeinträchtigen die kulturellen Rechte des Volkes der Samen und verstoßen gegen internationale Konventionen, urteilte das Gericht am Montag. Der Bau der Windanlagen sowie die damit verbundenen Enteignungen seien ungültig.“

„Betriebslizenz für zwei Windparks wegen Missachtung der Rechte der Ureinwohner für ungültig erklärt“

Auf der selben rechtlichen Grundlage könnte ebenso die Domowina gegen die vielen Windräder in der Lausitz vorgehen. Aber der Verein Domowina sieht sich offenbar mehr der hiesigen Staatsräson als der Sorbischen Minderheit verpflichtet. Denn die dreiflügeligen Kathedralen der Neuzeit gelten ohnehin als sakrosankt. Also hält die Domowina schön brav die Füße still. Dabei sollte deren eigener Satz zu denken geben: „Die Lausitz ist zum einen ein ländlicher Raum und zum Zweiten die Heimat der Sorben.“  – Da kann nicht mal widersprochen werden. Weite Teile des Sorbischen Lebens spielen sich tatsächlich im ländlichen Raum ab. Selbst Städte wie Wittichenau oder Lübben weisen eher ländlichen Charakter auf.

„Lausitzer Trachten gehören zum reichen kulturellen Erbe der Sorben/Wenden“

>>Stadt Lübben<<

„Die sorbischen bzw. Lausitzer Trachten gehören zum reichen kulturellen Erbe der Sorben/Wenden. … Stolz tragen die Jungen und Mädchen mehrerer Kindergenerationen die niedersorbische Festtagstrachten, die sich im Eigentum der Kita befinden, und tanzen traditionelle Tänze, darunter einige sorbischen Ursprungs. … Sehr intensiv werden in Lübben sorbische/wendische Bräuche gepflegt. Ob die Vogelhochzeit in Kitas und Schulen, das Zampern/die Fastnacht im ausgehenden Winter in den dörflichen Ortsteilen Lübbens, das Maibaumstellen, das Trachtenfest in der Kita „Spreewald“, sorbische/wendische Osterbräuche (z.B. Verzieren von Ostereiern mit Wachsreserve – oder Wachsbossiertechnik oder Kratztechnik, Waleien oder Osterfeuer) oder die Spinte im Herbst – das sorbische/wendische Brauchtum zieht sich in Lübben durch das gesamte Jahr.“

„Sehr intensiv werden in Lübben sorbische/wendische Bräuche gepflegt“

Da die Windräder sich fast ausnahmslos auf ländlichen Gebiet stehen: Deswegen stellen Schattenwurf und Infraschall eine enorme Belastung insbesondere für das Sorbische Leben dar. Zumal die Windräder in der Lausitz eigentlich unübersehbar sein müssen: Trotzdem können scheinbar die Domowina-Funktionäre kreuz und quer durch die Lausitz reisen, ohne auch nur eines jemals entdeckt zu haben: Zumindest deutet dieses Bild auf die Außendarstellung der Domowina hin, weil Windräder faktisch ein Nicht-Thema darstellen.