Stauseen in Norwegen: Warum Strom kaum speicherfähig ist

Screenshot youtube.com

Um den schwanken Zappelstrom der erneuerbaren Energien her zu werden, bringen Politiker unterschiedlicher Couleur, die Stauseen in Norwegen ins Spiel. Diese sollen als vermeintliche Pumpspeicherwerke fungieren und bei Dunkelflauten, Strom ins deutsche Netz einspeisen. Dieser Plan scheitert aber an der rauen norwegischen Wirklichkeit.

>>Zeit<<

„Inzwischen sind Unmengen Schmelzwasser in den Stausee geströmt, 14 Dämme halten es zurück. Vollständig gefüllt, fasst Blåsjø genug Wasser, um tief unten in den zugehörigen Kraftwerken so viel Strom zu erzeugen, wie ganz Deutschland an fünf Tagen verbraucht (7,8 Terawattstunden). „In Norwegen verfügen wir über die Hälfte der gesamten europäischen Speicherkapazität für Wasserkraftwerke“, sagt Kristian Løksa, Sprecher des staatlichen Energieunternehmens Statkraft. „Damit könnten wir die schwankende Erzeugung erneuerbarer Energie in Mitteleuropa ausgleichen.“ Produziert Deutschland, etwa bei starkem Wind, überschüssigen Strom, dann ließe sich damit Wasser hochpumpen in die Speicherseen auf den norwegischen Fjells, den baumlosen Hochflächen. Bei Strommangel, etwa wegen Flaute, schießt das Wasser wieder hinab durch die Turbinen und hilft, die Lücken im deutschen Stromnetz zu füllen. „Norwegen wird zum Akku Europas“, verkünden unisono Energieunternehmen und die Regierung in Oslo. Tatsächlich haben einige deutsche Studien die nordischen Speicherkapazitäten längst in die Energieszenarien für den Atomausstieg eingeplant.“

 

>>taz<<

„Die Speicherkapazität der norwegischen Wasserkraft reicht derzeit gerade einmal für eine jährliche Produktion zwischen 85 und 110 Terrawattstunden. Deutschlands Gesamtstromproduktion lag jedoch allein 2010 bei 607. „Ich möchte die Reaktionen hören, wenn der Wasserspiegel am Blåsjø jeden Tag mehrere Meter steigt oder sinkt“, sagte Moe. Der Blåsjø ist Norwegens neuntgrößter Binnensee. Aber auch in der Bevölkerung stößt der Plan auf Ablehnung. Der bis in die siebziger Jahre rücksichtslos betriebene Wasserkraftausbau hat bereits tiefe Spuren hinterlassen. Flora und Fauna sind dauerhaft zerstört, Fischbestände geschrumpft, viele Tier- und Pflanzenarten völlig verschwunden. Vor zehn Jahren verkündete Oslo, dass die Zeit des Wasserkraftausbaus vorbei sei. Das Forum for natur og friluftsliv, dem mit 600.000 Mitgliedern größten Umweltverband Norwegens, verabschiedete im Februar eine Resolution, mit der allen Träumen von Norwegen als „Europas grüne Batterie“ eine Absage erteilt wurde.“

 

>>Dr. Björn Peters<<

„Hinzu kommen mehrere Faktoren, die die norwegischen Speicherseen für die deutschen Bedürfnisse ungeeignet machen.

  • Das Stromnetz innerhalb von Norwegen ist unzureichend ausgebaut, die Leitungskapazitäten innerhalb des Landes reichen gerade so für die eigene Stromversorgung.
  • Statt der beiden derzeit gebauten Stromleitungen zwischen Norwegen und Deutschland, die eine Übertragungskapazität von je ca. 1,4 GW haben wird, müsste die Übertragungskapazität insgesamt auf etwa 120 GW erhöht werden.
  • Die Produktionskapazität der norwegischen Speicherkraftwerke in MW müsste vervielfacht werden durch Erhöhung der möglichen Durchflussmenge und Einbau größerer Turbinen.
  • Statt einfacher Speicherkraftwerke benötigt Deutschland auch Pumpspeicherkraftwerke, um Stromüberschüsse aus Sonne und Wind aufnehmen zu können (sog. negative Leistung). Diese gibt es in Norwegen noch so gut wie gar nicht. In der in Deutschland erforderlichen Größenordnung von mehr als 100 TWh wären sie nur für Meerwasser denkbar, was aber zu einer Versalzung der Speicherseen führen würde und damit zu einer erheblichen Umweltbelastung.
  • Die Speicherseen liefern den Norwegern vor allem im Winter Strom, also genau dann, wenn er auch in Deutschland knapp ist.

Eine Integration norwegischer Speicherseen ins deutsche Stromnetz würde also voraussetzen, dass diese so stark umgebaut würden, dass sie kaum wiederzuerkennen wären. Der Neubau von Speicherseen scheitert auch in Norwegen am Widerstand der lokalen Bevölkerung, müssen doch dadurch ganze Täler zu Seen umfunktioniert und dadurch für Mensch und Rentierherden unpassierbar werden. Und nicht zuletzt wäre es nett, die Norweger erst zu fragen, bevor wir über ihre natürlichen Ressourcen verfügen. Im vergangenen Jahrhundert gab es ein paar Besuche aus dem Süden, die dort noch in unliebsamer Erinnerung sind.“

Die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist sogar noch etwas größer: Die norwegischen Speicherseen sind Wetterabhängig. Denn selbst das häufig verregnete Norwegen, wird zweitweise von Trockenheit heimgesucht und muss in diesen Fall selbst Strom aus den Ausland importieren.

 

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