„Aufstiegsversprechen“ – „Jedem Kind das Erklettern der Erfolgsleiter durch hochwertige Bildung zu ermöglichen, in Deutschland nicht eingelöst“

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Der Werbespruch: „Aufstieg durch Bildung für alle“ hört sich recht aktuell an? – Tatsächlich wurde dieser Ausspruch schon um das Jahr 1900 erfunden: Soweit reicht die Debatte schon zurück. Aber was hat sich wirklich in all der Zeit getan? Und wie sieht die heutige Situation wirklich aus? Was ist also aus der berühmten „Wissensgesellschaften“ oder „Bildungsgesellschaften“  geworden?

„Blick auf massenhafte Bildungsarmut von dem „Aufstieg durch Bildung für alle“ weit entfernt“

>>Die Rede von Bildung von Heinz-Elmar Tenorth (Buch) <<

„In den „Wissensgesellschaften“ oder gar „Bildungsgesellschaften“, in die wir anscheinend eingetreten sind, ist das aber, eine Existenz ohne hinreichende „Bildung“, offenbar einem Ausschluss gravierender Art gleichzusetzen. Jedenfalls ist man bei diesem Blick auf massenhafte Bildungsarmut von dem „Aufstieg durch Bildung für alle“ weit entfernt, der als Slogan um 1900 erfunden wurde und seit dem Beginn der Bildungsexpansion in den 1960er Jahren bis heute so laut versprochen wird.“

„Aufstieg durch Bildung für alle“ – „Slogan um 1900 erfunden wurde“

Der Werbespruch: „Aufstieg durch Bildung für alle“ ist aus praktischer Sicht eher eines der berühmten Nicht-Themen geworden. – Vereinfacht: Der Aufstieg durch Bildung ist für alle möglich und die „Bildungsversager“ müssen sich ihr Schicksal selbst zuschreiben. Damit ist die Debatte für Beendet erklärt worden.

„Arme werden angehalten, ihre (Bildungs-)Karriere durch Selbstoptimierung eigenständig und eigenverantwortlich zu organisieren“

>>Kinder der Ungleichheit von Christoph Butterwegge (Buch) <<

„Mittlerweile gibt es kaum ein Wahlprogramm, kaum eine Politikerrede und kaum ein Diskussionspapier der etablierten Parteien, von öffentlichen Verlautbarungen der Unternehmerverbände ganz zu schweigen, die sozial Deklassierten nicht den »Aufstieg durch Bildung« verheißen und in Letzterer den Schlüssel für beruflichen Erfolg, privaten Wohlstand und (volks)wirtschaftliches Wachstum sehen. Arme werden angehalten, ihre (Bildungs-)Karriere durch Selbstoptimierung eigenständig und eigenverantwortlich zu organisieren, statt auf kollektive Lösungen im Rahmen einer Umverteilung des vorhandenen Reichtums von oben nach unten oder eines weniger selektiven Bildungssystems zu setzen. Nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse, öffentlichen Institutionen und Privilegien bestimmter Personengruppen müssten demnach angetastet, sondern nur das Verhalten der einzelnen Individuen den notwendigen Qualifizierungserfordernissen angepasst werden.“

„Die sozial Deklassierten nicht den »Aufstieg durch Bildung« verheißen“

So oder in vergleichbarer Form hören sich die allumfassenden Lösungsansätze an. Dummerweise kann selbst der Deutsche Bundestag dieser Analyse nicht so recht folgen.

„Jedem Kind das Erklettern der Erfolgsleiter durch hochwertige Bildung zu ermöglichen, in Deutschland nicht eingelöst“

>>Deutscher Bundestag<<

„Aus der Sicht von Sachverständigen für Kinder-, Jugend- und Familienpolitik wird das Aufstiegsversprechen, jedem Kind das Erklettern der Erfolgsleiter durch hochwertige Bildung zu ermöglichen, in Deutschland nicht eingelöst. Stattdessen sei zu erkennen, dass Armut das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen präge und sich dies auch auf das Bildungssystem auswirke, … „

„Armut das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen präge und sich dies auch auf das Bildungssystem auswirke“

Der vermeintliche sozialer Aufstieg durch Bildung lässt sich auch an konkreten Zahlen belegen. Nur sehr selten kann ein klassisches Arbeiterkind durch Bildung aufsteigen, während es bei Akademikerkinder ganz anders aussieht.

„Sozialer Aufstieg durch Bildung ist ein weiterer Mythos“

>>Wem gehört Deutschland? von Jens Berger (Buch) <<

„Sozialer Aufstieg durch Bildung ist ein weiterer Mythos, an den wir uns gewöhnt haben. Gerade einmal 9,2 Prozent der Gymnasiasten haben Eltern mit Volks- beziehungsweise Hauptschulabschluss. Selbst bei gleicher Leistung hat das Kind eines Akademikers gegenüber einem Arbeiterkind eine dreimal so große Chance, ein Gymnasium zu besuchen. Von 100 Akademikerkindern studieren 71, von 100 Kindern aus Nichtakademikerfamilien nur 24.4 So pflanzen sich soziale Ungleichheiten über Generationen hinweg fort.“

„Gerade einmal 9,2 Prozent der Gymnasiasten haben Eltern mit Volks- beziehungsweise Hauptschulabschluss“

Die Datenauswertung aus sozialen Netzwerken ziehen ein vergleichbares Ergebnis heran. Auch dort ist der Bildungserfolg unmittelbare mit dem Elternhaus verbunden.

„Daten zeigen, wie wichtig das Sozialkapital für den Weg aus der Armut ist“

>>Wissenschaft.de<<

„Dieses Problems hat sich ein Team um Raj Chetty von der Harvard University in Cambridge angenommen. Dazu griffen die Forscher auf den weltweit größten Datensatz zu sozialen Beziehungen zurück: Freundschaften auf Facebook. In Kooperation mit Meta, dem Anbieter von Facebook, analysierten Chetty und seine Kollegen die Daten von über 72 Millionen amerikanischen Facebook-Nutzern zwischen 25 und 44 Jahren. Aus den Profilen entnahmen sie, welches College und welche High-School die jeweiligen Nutzer besucht hatten, in welchen Postleitzahlgebiet sie wohnen und mit wem sie befreundet sind. …

Das Ergebnis:

„Der Anteil der Freunde mit hohem Sozialstatus ist einer der stärksten Prädiktoren für die wirtschaftlichen Aufstiegschancen“, so die Autoren. In einem begleitenden Kommentar, der ebenfalls in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde, schreiben Noam Angrist von der University of Oxford und Bruce Sacerdote vom Dartmouth College, die nicht an der Studie beteiligt waren: „Diese Daten zeigen, wie wichtig das Sozialkapital für den Weg aus der Armut ist. Die Verbindungen zwischen Menschen mit niedrigem und hohem Sozialstatus können sich auf ihre Ambitionen, ihren Zugang zu Informationen und ihre Beschäftigungsmöglichkeiten auswirken.“

„Anteil der Freunde mit hohem Sozialstatus ist einer der stärksten Prädiktoren für die wirtschaftlichen Aufstiegschancen“

Zwar wurde die Datenauswertung in der USA gemacht, aber im Allgemeinen dürfte es in der westlichen Hemmisphäre kaum anders aussehen. Der Werbespruch: „Aufstieg durch Bildung für alle“ hört sich recht gut an, aber er ist letztlich ein Werbespruch geblieben.