Kaffee gegen Devisen oder „Erichs Devisenschoner“ – Weshalb der Kaffeekonsum heutzutage plötzlich wieder sinken muss?

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Auch nur eine Droge!“ – Unter jenen Titel sind keine illegalen Betäubungsmittel, sondern Kaffee gemeint. Zwar ist es nur eine „Buchvorstellung“ – aber mit etwas Willen zur Suche lassen sich sicherlich vergleichbare Beiträge finden. Auf breiter Front wird also Kaffee gewissermaßen mit Drogen gleichgesetzt: Dieser Vergleich ist nicht zu hoch angesetzt, dabei dürfte es in Wirklichkeit um etwas ganz anderes gehen.

„Abhängig von Koffein, aber der psychoaktive Stoff wird nicht als „Droge“ bewertet“

>>Staatsfunk „DasErste.de“ <<

„Wir sind leidenschaftlich abhängig von Koffein, aber der psychoaktive Stoff wird nicht als „Droge“ bewertet, weil er unserer Gesellschaftsform dient, sagt Pollan. Deshalb ist er legal. Andere Pflanzen werden als Bedrohung gesehen, deswegen sind sie illegal. So zum Beispiel Schlafmohn, Opium, jahrtausendelang als Arznei genutzt und gepriesen. In Form von Heroin aber extrem zerstörerisch. Drogenmissbrauch ist ganz real, und der Schutz davor sehr wichtig, so Pollan. Doch: während Fahnder weltweit den Mohnanbau kriminalisieren, hat eine der größten Drogenkrisen in den USA ganz legal stattgefunden.“

„Opium, jahrtausendelang als Arznei genutzt und gepriesen“

Nach diesem Absatz kommt der Autor des Beitrags erst so richtig in Fahrt: Es wird auf alle möglichen illegalen Drogen und ihre Gefährlichkeit hingewiesen und dabei immer wieder der Bogen zur – vermeintlich legalen Droge – Kaffee geschlagen. Kaffee wird aber schon seit Jahrhunderten getrunken. Hat die Wissenschaft an dieser Stelle wirklich etwas übersehen?

„Kaffee zählt zu den beliebtesten alkoholfreien Genussmitteln – und er ist gesünder, als sein Ruf vermuten lässt“

>>Schlank mit Darm von Michaela Axt-Gadermann (Buch) <<

„Kaffee zählt zu den beliebtesten alkoholfreien Genussmitteln – und er ist gesünder, als sein Ruf vermuten lässt. Österreichische und französische Wissenschaftler konnten jetzt nachweisen, dass ein bis vier Stunden nach dem Genuss des Muntermachers ein Prozess in den Zellen einsetzt, der diese reinigt und entgiftet.“

Kaffee: „Genuss des Muntermachers ein Prozess in den Zellen einsetzt, der diese reinigt und entgiftet“

Die gesundheitlichen Aspekte von Kaffee sollen hier mal ausgeklammert bleiben: Denn im Beitrag des staatlichen Rundfunks bleibt ein entscheidender Punkt unerwähnt und dieser hat schon die Gemüter des DDR-Politbüros – im übertragenen Sinn – heißer als Kaffee werden lassen.

„In der ehemaligen DDR wurde Bohnenkaffee, der mit dem Kaffeeersatz gestreckt“

>>Schlank mit Darm von Michaela Axt-Gadermann (Buch) <<

„In der ehemaligen DDR wurde Bohnenkaffee, der mit dem Kaffeeersatz gestreckt wurde, vom Volksmund „Erichs Krönung“ oder „Erichs Devisenschoner“, kurz „Edescho“ genannt.“

„Volksmund „Erichs Krönung“ oder „Erichs Devisenschoner“, kurz „Edescho“ genannt“

Die Begrifflichkeit „Erichs Devisenschoner“ mag sicherlich zugespitzt, aber im Kern richtig sein: Immerhin war es kein Staatsgeheimnis gewesen, sondern es wurde ganz offen verkündet.

DDR: „Anfang der 1980er Jahre wurden die Devisen knapper“

>>Jetzt reden wir Weiter: Was heute aus der DDR-Wirtschaft zu lernen ist von Kombinatsdirektoren  (Buch) <<

„Anfang der 1980er Jahre wurden die Devisen knapper. Deshalb sagte die Parteiführung: »Wir müssen Bohnenkaffee einsparen, wir können nicht mehr so viele Kaffeebohnen importieren.“

DDR-Parteiführung: „Wir müssen Bohnenkaffee einsparen, wir können nicht mehr so viele Kaffeebohnen importieren“

Die DDR-Kaffeekrise hat im weitesten Sinne die gesamte Geschichte der DDR – mit unterschiedlichen Abstufungen – begleitet. Kern des Problems: In der DDR sind keine Kaffeebohnen gewachsen und diese mussten aus dem Ausland – gegen Devisenimportiert werden.

„Die DDR litt von Anfang an unter Devisenproblemen“

>>DDR Backbuch – Das Original (Buch) <<

„Die DDR litt von Anfang an unter Devisenproblemen. … Als dann seit den 70er Jahren die Welt-Rohstoffpreise kräftig stiegen, wuchsen die wirtschaftlichen Probleme des Landes, die dann in den 80er Jahren auch ihren Niedergang herbeiführten. Besonders schmerzlich war der Anstieg der Kaffeepreise am Weltmarkt seit 1977. Aus politischen Gründen traute sich die Staatsführung nicht, die Einzelhandelsverkaufspreise für Kaffee anzuheben. So wurden Betriebe und Gaststätten angewiesen, weniger Kaffeepulver pro Tasse zu verwenden. Die preiswertere Kaffeesorte „Kosta“ verschwand aus den Regalen der HO. Dafür gab es die neue Kaffeemarke „Kaffee-Mix“, eine Pulver-Mischung, die zur Hälfte aus Getreidesurrogaten bestand, nicht nach Kaffee schmecken wollte und die Kaffeemaschine „Kaffeboy“ zum Zerbersten brachte.“

DDR-Geschichte: „Betriebe und Gaststätten angewiesen, weniger Kaffeepulver pro Tasse zu verwenden“

Die Kaffeekrise der DDR hat zu sehr seltsamen Blüten geführt. Diese stellt aber nur ein Teil der allgemeinen Versorgungskrise dar. Doch der Kaffee ist – damals wie heute – nicht irgendein Lebensmittel unter vielen anderen. Besonders der gedrosselte Kaffeeimport hat in der DDR hohe Wellen geschlagen.

DDR: „Ende 1976, Anfang 1977 war die DDR Kaffeekrise offensichtlich“

>>KaffeeTechnik Seubert<<

„Ende 1976, Anfang 1977 war die DDR Kaffeekrise offensichtlich, und die Versorgungsengpässe ließen sich auch vor der Bevölkerung nicht länger verbergen. Es rächte sich gewissermaßen, dass man schon in den Jahren zuvor den Kaffeeimport immer weiter gedrosselt hatte, um mehr Devisen für den Ankauf von Erdöl zur Verfügung zu haben. Das Budget war zu klein, und Vorräte gab es nicht.“

„Kaffeeimport immer weiter gedrosselt hatte, um mehr Devisen für den Ankauf von Erdöl“

Beim Punkt „Kaffee“ hat sich in all dieser Zeit wenig verändert: Noch heute ist Kaffee nur gegen Devisen – aus dem Ausland – zu haben: Da aber die Exporte zurückgehen und die Schwäche des Euros offensichtlich ist, müssen deshalb Einsparungen her: Und genau an dieser Stelle wird der Kaffeeverbrauch herangezogen. Der BeitragAuch nur eine Droge!“ soll vermutlich die Richtung schon mal vorgeben.