DDR-Geschichte: „Vom „Betrug am Arbeiter“ war die Rede, dem „nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee gegönnt“ würde“

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Kaffee ist kein Lebensmittel wie jedes andere. Dafür gibt es einfach viel zu viele Kaffeetrinker und allgemeine Preissteigerungen werden mit großer Empfindlichkeit zu Kenntnis genommen. Schon die ehemalige DDR musste diese Erfahrung machen und daran hat sich bis heute wenig geändert.

„Tchibo erhöht die Kaffeepreise – Unter Verweis auf gestiegene Weltmarktpreise verteuert“

>>Spiegel<<

„Tchibo erhöht die Kaffeepreise – Unter Verweis auf gestiegene Weltmarktpreise verteuert – Deutschlands größter Röster seinen Kaffee deutlich. … Tchibo gilt als einer der wichtigsten Taktgeber für die Preise im Handel.“

„Tchibo gilt als einer der wichtigsten Taktgeber für die Preise im Handel“

Anders als heute konnten zur damaligen Zeit die Weltmarktpreise nicht einfach weitergegeben werden: Aus diesem Grund sind teils sehr weit hergeholte Gerüchte im anderen Teil von Deutschland über die DDR aufgetaucht.

„Aha. Echten Kaffee hat es in der DDR also gar nicht gegeben“

>>Das gabs früher nicht: Ein Auslaufmodell zieht Bilanz von Bernd-Lutz Lange (Buch) <<

„Aha. Echten Kaffee hat es in der DDR also gar nicht gegeben. Ich habe ja Verständnis für jemanden, der keine Ahnung hat, weil er jenseits der Grenze lebte, aber warum muss er es dann auch noch zur Schau stellen? Natürlich tranken wir »Bohnenkaffee«; meistens kostete die Tasse im Café 84 Pfennige. Der Journalist schrieb weiter, dem Arbeiter- und-Bauern-Staat hätten die Devisen für den Import von Kaffeebohnen gefehlt und der Anbau in befreundeten Ländern hätte nicht für den Ostblock gereicht. Es wäre lediglich eine Mischung mit einem Anteil von echtem Kaffee auf dem Markt gewesen. Über diese Mischung lachte die ganze DDR. Sie kam 1977 in die Läden, als der Weltmarktpreis für Kaffee gestiegen war.“

„Arbeiter- und-Bauern-Staat hätten die Devisen für den Import von Kaffeebohnen gefehlt“

Im Zuge der damaligen Ölkrise sind – mit etwas Zeitverzögerung – auch die Preise für Kaffee gestiegen. Doch aus politischen Gründen durfte es keine Inflation innerhalb der DDR geben.

„Aus politischen Gründen traute sich die Staatsführung nicht“ – „Einzelhandelsverkaufspreise für Kaffee anzuheben“

>>DDR Kochbuch „Das Original“ (Buch) <<

„Aus politischen Gründen traute sich die Staatsführung nicht, die Einzelhandelsverkaufspreise für Kaffee anzuheben. So wurden Betriebe und Gaststätten angewiesen, weniger Kaffeepulver pro Tasse zu verwenden. Die preiswertere Kaffeesorte „Kosta“ verschwand aus den Regalen der HO. Dafür gab es die neue Kaffeemarke „Kaffee-Mix“, eine Pulver-Mischung, die zur Hälfte aus Getreidesurrogaten bestand, nicht nach Kaffee schmecken wollte und die Kaffeemaschine „Kaffeboy“ zum Zerbersten brachte. Erst als man den Anteil der Surrogate senkte und anstelle des Roggens mehr Gerste, Zichorie und geröstete Zuckerrüben verwendete, blieben wenigstens die Kaffeeautomaten heil.“

„Die preiswertere Kaffeesorte „Kosta“ verschwand aus den Regalen der HO“

Tatsächlich wurde die Idee des „Kaffee-Mix“ auf politischer Ebene geboren. Verschiedene Personen vom Fach meldeten hingegen ihre Bedenken an, welche aber geflissentlich überhört wurden.

„Kaffee-Mix“ – „Mischung aus wenig Bohnenkaffee und gerösteter Gerste“

>>Jetzt reden wir: Was heute aus der DDR-Wirtschaft zu lernen ist von Kombinatsdirektoren  (Buch) <<

„Wir gaben allerdings zu bedenken, dass es noch niemandem gelungen war, ein solches Aroma herzustellen, weil die natürliche Kaffeebohne aus etwa 40 Bestandteilen bestehe, die zu isolieren und künstlich herzustellen unmöglich sei. Egal, hieß es von »oben«. Also rührten und experimentierten die Miltitzer und stellten verschiedene Muster her. Am Tag der Verkostung fuhr ich mit einem Kollegen aus der Abteilung Grundstoffindustrie des ZK nach Miltitz. Es war eine Katastrophe. Die Proben schmeckten so erbärmlich wie Muckefuck mit Aromastoffen. Danach war das Thema für uns vom Tisch. Kaffee-Mix, eine Mischung aus wenig Bohnenkaffee und gerösteter Gerste, kam später in die Geschäfte. Auch dieser Ersatz schmeckte weder nach Kaffee, noch duftete er so. Schlimmer. Er verstopfte die Filter der Kaffeemaschinen in den Restaurants und Kantinen und verschwand bald.“

„Kaffee-Mix“ – „Er verstopfte die Filter der Kaffeemaschinen in den Restaurants und Kantinen“

Es wurde also etwas versucht, was überhaupt nicht funktionieren konnte. Auf der anderen Seite der „Kaffeefront“ setzte hingegen eine kleine Revolte bei der Bevölkerung ein und die Stasi musste viele Berichte anfertigen.

„Wegfall der günstigen Sorte „Kosta“ benachteilige vor allem Rentner“

>>Stasi-Unterlagen-Archiv<<

„Die Sparmaßnahmen richteten sich „nur gegen den ‚kleinen Mann'“, da in Arbeitergaststätten nur noch Mischkaffee angeboten würde, während es in Interhotels weiterhin echten Kaffee gebe. Der Wegfall der günstigen Sorte „Kosta“ benachteilige vor allem Rentner, die sich die teureren Sorten nicht leisten könnten. Sogar vom „Betrug am Arbeiter“ war die Rede, dem „nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee gegönnt“ würde.“

„Vom „Betrug am Arbeiter“ war die Rede, dem „nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee gegönnt“ würde“

Am Ende musste die DDR-Kreation „Kaffee-Mix“ vom Markt verschwinden. Der Widerstand innerhalb der Bevölkerung hat bei dieser Frage ungeahnte Ausmaße angenommen.