Altersarmut & Kriminalität: Zwischen illegalen Mülltonnentauchern wegen verdorbener Lebensmittel & Drogendealern

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Könnten Altersarmut und Kriminalität zusammenhängen? Ladendiebstähle begehen? Einfach nur um nicht zu verhungern? Oder sogar mit illegalen Drogen handeln, weil die Rente am Monatsende nicht mehr für die Miete reicht? Nun der öffentliche Rundfunk prescht im vorausschauenden Gehorsam schon mal vor, um alle Gerüchte zu widerlegen.

JVA Detmold & die extra Senioren-Abteilung – „Wer hier herkommt, ist mindestens 62 Jahre“

>>Staatsfunk „Deutschlandradio“ <<

„Der demografische Wandel macht auch vor den Gefängnistoren nicht halt. Die JVA Detmold hat deswegen eine extra Senioren-Abteilung eingerichtet. Wer hier herkommt, ist mindestens 62 Jahre – da wiegen die Tage in Unfreiheit besonders schwer. … Altersarmut und Einsamkeit spielen, so zeigt es eine Untersuchung der Technischen Universität Dresden, nur eine marginale Rolle. Die meisten Täter seien sozial gut integriert.“

Haben Altersarmut & Kriminalität wirklich nichts miteinander zu tun?

Das mag ja durchaus der Richtigkeit entsprechen, dass die meisten Täter gut sozial integriert seien. Jedoch tut sich in der Argumentation schnell ein Logikbruch auf? – Warum sind eigentlich fast ausnahmslos Rentner und keine Pensionäre – also Beamte im Ruhestand –  kriminell geworden? Schließlich müssen viele Rentner mit eine geringen Armutsrente – im Gegensatz zu Pensionären – auskommen. Außerdem legen die verübten Straftaten wohl einem ganz anderen Schluss nahe.

„Rentnerin muss wegen Diebstahls von Sahnesteif und Haarklammern in Haft – Ihre Rente reiche nicht zum Leben“

>>Spiegel<<

„Rentnerin muss wegen Diebstahls von Sahnesteif und Haarklammern in Haft – Ihre Rente reiche nicht zum Leben, sagt Ingrid Millgramm: Weil sie Lebensmittel klaute, saß die 85-Jährige bereits im Gefängnis. … Die 85-Jährige hat nach Überzeugung der Richter wieder einmal Dinge des täglichen Bedarfs gestohlen. Dieses Mal Lebensmittel und Kosmetik im Wert von 18 Euro.“

Diebstahl von Dinge des täglichen Bedarfs: „Lebensmittel und Kosmetik im Wert von 18 Euro“

Eine Rentnerin muss Dinge des täglichen Bedarfs – mit lächerlichen Warenwert – stehlen und das alles soll nichts mit Altersarmut zu tun haben? Natürlich will niemand Kriminalität befürworten: Allerdings jenseits des Strafrechts ist auch noch eine weitere Ebene existent. Zumal die verübten Straftaten bei Rentnern in eine Richtung zu gehen scheinen.

„Rentner nimmt Kaffee aus Supermarkt-Müll mit und wird dafür verurteilt“

>>Stern<<

„Rentner nimmt Kaffee aus Supermarkt-Müll mit und wird dafür verurteilt – Ein 76-Jähriger in Köln dachte sich nichts dabei, als er 35 Packungen Kaffee aus der Mülltonne eines Supermarkts mitnahm. Nun musste er sich deshalb vor Gericht verantworten – und wurde auch verurteilt.“

Unfreiwilliger Berufswunsch im Alter: „Mülltonnentaucher“ – Verurteilt wegen verdorbener Lebensmittel

Die gestohlenen Lebensmittel aus der Mülltonne waren allesamt jenseits des Mindesthaltbarkeitsdatum gewesen. Auch hier ist das selbe Phänomen zu beobachten. Doch manche Rentner haben offensichtlich durch Altersarmut noch ganze andere „Talente“ für sich entdeckt.

Vom Armutsrentner zum Drogendealer? – „69-Jährige hatte mit Drogen gehandelt“

>>Radio Lausitz<<

„Ein Rentner wird die nächsten 152 Tage in der JVA Bautzen verbringen. Der 69-Jährige hatte mit Drogen gehandelt und war dafür vor fast zwei Jahren zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden, so die Bundespolizei.“

„69-Jährige hatte mit Drogen gehandelt und war dafür vor fast zwei Jahren zu einer hohen Geldstrafe verurteilt“

In jenen Zusammenhang wird gerne das leichtfertige Argument geäußert: Die Rentner sollen sich einfach eine reguläre Arbeit suchen. Doch viele Senioren können häufig aus gesundheitlichen Gründen nur eingeschränkt arbeiten gehen. Zu allen Überfluss wird mit zunehmenden Alter die Luft auf dem Arbeitsmarkt immer dünner. Über 58-jährige Arbeitslose tauchen in der Arbeitslosenstatistik häufig gar nicht mehr auf.

„Wie die Alten aus der Statistik verdrängt werden“

>>Cicero<<

„Wie die Alten aus der Statistik verdrängt werden – Denn wer genau hinsieht, der erkennt eine geschönte Statistik: Alte werden kurzerhand aus der Arbeitslosenstatistik herausgerechnet. … Mit einem Trick nämlich werden ältere Arbeitslose aus der offiziellen Statistik herausgerechnet. … Über 58-jährige Arbeitslose, die seit mindestens einem Jahr keine Jobangebote vom Arbeitsamt erhalten haben, rutschen aus der Arbeitslosenstatistik heraus.“

„Alte werden kurzerhand aus der Arbeitslosenstatistik herausgerechnet“

Überspitzt: Über 58-jährige Arbeitslose sind – formal – nicht mehr arbeitslos. So einfach lässt sich also Massenarbeitslosigkeit – in der Statistik – bekämpfen. Aber damit nicht genug: Ab einen Alter von 63 Jahren – also nur fünf Jahre später – kommt noch die Zwangsverrentung oben drauf. Ältere Arbeitslose müssen quasi per Dekret – und häufig gegen ihren Willen – einen Rentenantrag stellen und dabei erhebliche Einbussen bei der Rente in Kauf nehmen. Das soziale Mitgefühl ist regelrecht mit Händen zu greifen. Nichtsdestotrotz kommen die Armutsrenten nicht urplötzlich vom Himmel gefallen, sondern sie hatten einem langen Vorlauf gehabt.

Zwangsverrentung: Der unfreiwillige Schritt zur gesetzlichen Altersarmut

>>Aktuelle Sozialpolitik von Prof. Dr. Stefan Sell<<

„Wenn vorleistungsabhängige Renten und vorleistungsunabhängige Grundsicherung immer mehr verschmelzen. Und was das (auch) mit dem Rentenniveau zu tun hat –  »Wenn für einen Großteil der Versicherten selbst nach langer Versicherungsdauer der durch Beiträge erworbene Rentenanspruch in der GRV kaum spürbar die Armutsgrenze übersteigt oder gar darunter bleibt, dann verliert eine durch Beiträge zu finanzierende Rentenversicherung ihre politische Legitimation und Akzeptanz in der Bevölkerung, da ja die Grundsicherung ohne jede Vorleistung bezogen werden kann. … « „

„Beiträge erworbene Rentenanspruch in der GRV kaum spürbar die Armutsgrenze übersteigt“

Vereinfacht: Der Rentenanspruch und die regulären Sozialhilfeleistungen pendeln sich auf der selben Höhe ein. Unterm Strich drängt sich die Frage auf: Welchen Zweck diese gesetzliche (Zwangs-)Rentenversicherung überhaupt noch erfüllen soll? Zumal selbst an der Rentenformel mehrfach herumgeschraubt wurde.

„Die Rentenformel seit 2001 mehrfach verändert worden ist“

>>Aktuelle Sozialpolitik von Prof. Dr. Stefan Sell<<

„Darauf hatte Schmähl schon Jahre vorher eindringlich hingewiesen, beispielsweise 2008 in diesem kurzen Beitrag: Rentenversicherung: Quo vadis? Dort führt er mit Bezug auf den rentenpolitischen Paradigmenwechsel unter der rot-grünen Bundesregierung Anfang des neuen Jahrtausends aus,

»dass die Rentenformel seit 2001 mehrfach verändert worden ist, durch (einen willkürlich formulierten) Riester-, einen Nachhaltigkeits- und einen Nachholfaktor. Die Rentenformel wurde dadurch zu einem rententechnischen Monster mit kaum noch durchschaubaren Wirkungen. … « „

„Rentenformel wurde dadurch zu einem rententechnischen Monster“

Da die Rentenformel ständig verändert wird, macht es auch keinerlei Sinn diese zu verstehen. Wäre tatsächlich an Transparenz gelegen, dann hätte man eine logisch-nachvollziehbares System eingerichtet. Doch so kann jede neue Regierung ihre eigene neue „Mathematik“ erfinden und ohne viel aufsehen die Renten zusammenstreichen.