„Kollektive Paranoia“ – Folgen von Versorgungskrisen & Inflation?

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Der Beginn des Niedergangs – Wachsende Unzufriedenheit – Es fehlte an technischen Ausrüstungen, Ersatzteilen und Rohstoffen, sodass sich die Stillstandszeiten der Maschinen häuften. Arbeitsorganisation und Arbeitsdisziplin waren miserabel und die Motivation der Beschäftigten näherte sich dem Nullpunkt. … Immer öfter musste sich der Parteisekretär im Werk die Frage gefallen lassen­, ob die Parteiführung überhaupt die reale Lage der Arbeiter kenne.“ – Es handelt sich allerdings um keine aktuelle Situationsbeschreibung: Es werden vielmehr die Probleme in der Endphase der DDR beschrieben.

„Auf dem Weg in den Zusammenbruch (1982 bis 1990)“

Der Text trägt die Überschrift „Auf dem Weg in den Zusammenbruch (1982 bis 1990)“ und wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben. Die Verwechslungsgefahr zu aktuellen Geschehnissen sind freilich keinesfalls von der Hand zu weisen, was Meldungen von Unternehmen belegen.

„Plötzlich leere Regale im Supermarkt“

>>Hessische Niedersächsische Allgemeine<<

„Plötzlich leere Regale im Supermarkt – Nicht nur Bekleidungsgeschäfte und Drogeriemärkte haben mit leeren Regalen zu kämpfen, sondern inzwischen auch der Lebensmittelhandel. Einige Supermärkte und prominente Hersteller sind davon besonders hart getroffen.“

„Nicht nur Bekleidungsgeschäfte und Drogeriemärkte haben mit leeren Regalen zu kämpfen“

>>AR Shelving<<

„Lieferengpässe und steigende Rohstoffpreise in allen Bereiche. … Rohstoffpreiseskalationen in allen Tätigkeitsbereichen und Lieferengpässe sind die täglichen Gespräche zwischen Käufern und Verkäufern. Alle Marktteilnehmer sind sicherlich besorgt über die Entwicklung des Sektors in den kommenden Monaten und lassen es uns wissen. … Was ist auf dem Rohstoffmarkt geschehen, um einen solchen Mangel und Inflation zu erleben?“

„Was ist auf dem Rohstoffmarkt geschehen, um einen solchen Mangel und Inflation zu erleben?“

Vermutlich dürfte kaum eine Branche davon ausgenommen sein. Zu der Versorgungskrise kommt also noch eine hohe Inflation oben drauf. Es drängt sich hier die Frage auf: Handelt es sich – ausgenommen von der DDR-Zeit – um eine einmalige Situation? Mitnichten. Schon während des Ersten Weltkriegs sind vergleichbare Effekte aufgetreten. Auch damals war die Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit dem Händen zu greifen. Also mussten Schuldige gefunden werden und dies zog eine regelrechte Paranoia nach sich.

„Kollektive Paranoia“ – „Überall werden Spione gewittert“

>>Die Macht der Geheimdienste von Uwe Klußmann & Eva-Maria Schnurr (Buch) <<

„Denn seit Kriegsausbruch hatte eine kollektive Paranoia die Kriegsgesellschaften befallen: die Angst vor Spionage und Verrat. »Überall werden Spione gewittert«, schrieb der Dichter und Anarchist Erich Mühsam in seinen Tagebüchern. »Dann rennen die Menschen in Haufen zusammen, misshandeln die Unglücklichen und übergeben sie der Polizei.« Die Agentenhysterie erfasste die Menschen, noch bevor die verfeindeten Nationen überhaupt professionalisierte Geheimdienste aufgebaut hatten. Im Zentrum der Spionitis stand die weibliche Agentin – von niemandem so klischeehaft verkörpert wie von Mata Hari: fleischgewordenes Feindbild der eiskalten Verräterin, die liebestrunkene Generäle im Bett ihre Pläne ausplaudern lässt. »Zwar entlockte Mata Hari den Franzosen keine wirklichen Geheimnisse. Dennoch diente die geheimnisvolle Kurtisane als Bauernopfer, um die Stimmung im Land zu heben«, sagt Hirschfeld. Denn die war katastrophal: Verlustreiche Niederlagen, Inflation und Versorgungskrise führten 1916/17 in Frankreich zu Streiks sowie Meutereien an der Front. Am 13. Februar 1917 wurde die vermeintliche Doppelagentin in Paris verhaftet und der »Spionage sowie der nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit mit dem Feind« beschuldigt.“

„Verlustreiche Niederlagen, Inflation und Versorgungskrise führten 1916 / 17 in Frankreich zu Streiks sowie Meutereien an der Front“

In der allgemeinen Paranoia und Hysterie kämen Worte der Entlastung von Mata Hari vermutlich praktisch einen Landesverrat gleich. Am Ende musste sie sie augenscheinlich weniger wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Agententätigkeit, sondern als Bauernopfer wegen französischen Regierungsversagen zur damaligen Zeit sterben. Heutzutage könnte man leicht den allgemeinen Irrtum erlegen: Die Welt habe sich gewandelt und so leicht ist niemand mehr hinters Licht zu führen. – Oder etwa doch? Die Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung hat infolge der Versorgungskrise eine etwas eigenartige Erdzählstrang herausgegeben.

„Wenn die Ufos los sind: Wie versorge ich mich?“

>>Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung<<

„Wenn die Ufos los sind: Wie versorge ich mich? – Damit, dass wirklich räuberische Ufos die Versorgungsketten unterbrechen, ist vielleicht nicht zu rechnen. Aber es gibt auch echte unvorhersehbare Notsituationen, die uns vorübergehend daran hindern können, uns direkt mit Einkäufen und Dienstleistungen zu versorgen. Dann ist es wichtig, vorbereitet zu sein und sich mit den eigenen Vorräten lange genug selbstständig versorgen zu können.“

„Mit den eigenen Vorräten lange genug selbstständig versorgen zu können“

 

Die Agentenhysterie zur Zeiten des Ersten Weltkriegs geht also in eine „Ufohysterie“ über? Beim Gesetz über die Sicherstellung der Grundversorgung mit Lebensmitteln in einer Versorgungskrise und Maßnahmen zur Vorsorge für eine Versorgungskrise sind über das Thema Versorgungskrise sehr weitreichende Maßnahmen zu lesen.

„Versorgungskrise“ – „Ermächtigungen zum Erlass von Rechtsverordnungen zur Sicherstellung der Grundversorgung“

>>ra.de<<

„§ 4 Ermächtigungen zum Erlass von Rechtsverordnungen zur Sicherstellung der Grundversorgung

(1) Soweit es zur Sicherstellung der Grundversorgung in einer Versorgungskrise geboten ist, kann das Bundesministerium durch Rechtsverordnung Vorschriften erlassen über

1. das Herstellen, Behandeln und Inverkehrbringen von Erzeugnissen,

2. den Bezug, die Erfassung, die Verteilung und die Abgabe von Erzeugnissen einschließlich der Beschränkung oder des Verbots des Bezugs, der Erfassung, der Verteilung und der Abgabe,

3. die Festsetzung von Preisen, Kostenansätzen, Handelsspannen, Bearbeitungs- und Verarbeitungsspannen sowie Zahlungs- und Lieferungsbedingungen für Erzeugnisse,

4.die Verwendung von

a) Maschinen und Geräten zum Herstellen, Behandeln oder Inverkehrbringen von Erzeugnissen,

b) Treibstoffen und Brennstoffen für diese Maschinen und Geräte,

c) Geräten zur Notstromversorgung zum Betrieb dieser Maschinen und Geräte sowie

d) sonstigen Betriebsmitteln zum Herstellen, Behandeln oder Inverkehrbringen von Erzeugnissen,

5. die Sicherstellung von Erzeugnissen,

6. die Aufrechterhaltung, Umstellung, Eröffnung oder Schließung von Ernährungsunternehmen oder einzelnen Betriebsstätten von Ernährungsunternehmen,7. die Bevorratung von Erzeugnissen durch Ernährungsunternehmen,

8. Buchführungs-, Nachweis- und Meldepflichten über die in den Nummern 1 bis 4, 6 und 7 genannten wirtschaftlichen Vorgänge.“

Rationierungen: „Erzeugnisse nur bis zu einer bestimmten Menge je Verbraucherin oder Verbraucher abgegeben“ 

Das leichte Verständnis von Gesetzen wurde wiedereinmal anschaulich demonstriert. Man mag es kaum glauben, aber es handelt sich nur um einen Satz. Und die anderen Paragraphen sehen auch nicht wirklich besser aus. Im Endeffekt kann beim Ausrufen einer offiziellen „Versorgungskrise“ faktisch jeder Lebensbereich per einfache Rechtsverordnungen geregelt werden. Zusätzlich ist im Paragraph elf vorgesehen: „dass Erzeugnisse nur bis zu einer bestimmten Menge je Verbraucherin oder Verbraucher abgegeben werden dürfen.“ – Besser bekannt als Rationierungen.

 

Originally posted 2022-01-15 16:06:36.