Staatliche Wohnungsbauprogramme und behördlich festgesetzte Mieten – Alles so wie zu DDR-Zeiten?

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Um den sozialistischen Wohnungsbau in der DDR ranken sich viele Gerüchte und Legenden herum: Denn hochwertige Wohnungen zu geringen Mieten stellen noch heute für viele Menschen eine existenzielle Frage dar. Auch wenn die DDR schon lange von der Bildfläche verschwunden sei: Das vermeintliche DDR-Mieterparadies ist heutzutage lebendiger als es jemals zu DDR-Zeiten gewesen war. Sogar fast vergessene Konzepte wie die Deckelung von Mieten sehen einen zweiten – oder dritten – Frühling entgegen.

Wohnungsbau in der DDR: Viele Gerüchte und Legenden

Staatliche Wohnungsbauprogramme und behördlich festgelegte Mieten: Alles so wie zu DDR-Zeiten? – „Le roi est mort, vive le roi. – oder: „Der König ist tot, es lebe der König.“ –  Nach der Planwirtschaft ist also gleichbedeutend vor der Planwirtschaft. Tatsächlich spielte sich das vermeintliche DDR-Mieterparadies etwas anders ab, als es heute vielfach dargestellt wird. Letzlich trug es auch maßgeblich zum Untergang der DDR bei. Am deutlichsten ist es am Beispiel der Stadt Hoyerswerda in der Lausitz zu sehen.

23. Juni 1955 –  Als Hoyerswerda ein zweites mal Geboren wurde

>>Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte<<

„Auserkoren als erste sozialistische Großsiedlung in Plattenbauweise wurde Hoyerswerda zum Vorbild und Maßstab für das industrialisierte Bauen in der DDR. Die Ursprünge Hoyerswerdas reichen zwar bis ins Mittelalter zurück, die „Neugründung“ der Stadt lässt sich aber auf den Tag genau datieren: Am 23. Juni 1955 beschloss der Ministerrat der DDR den Aufbau des Braunkohleveredlungskombinates „Schwarze Pumpe“, das später die gesamte Republik mit Stadtgas versorgen sollte.“

„Hoyerswerda zum Vorbild und Maßstab für das industrialisierte Bauen in der DDR“

Auch wenn heutzutage der DDR-Plattenbau regelrecht verschrien sei: Dennoch setzten einst die DDR-Wohnungen einen neuen Standard fest: Dieser strahlte weit über die Grenzen der DDR seine Wirkung aus. Besonders die Lausitz-Stadt Hoyerswerda ging sozusagen als „DDR-Vorzeigestadt“ in die Geschichte ein.

DDR-Wohnungen: „Der Standard der Wohnungen, mit ihren integrierten Bädern und Küchen, war hochmodern für die damalige Zeit“

>>Focus<<

„Der Standard der Wohnungen, mit ihren integrierten Bädern und Küchen, war hochmodern für die damalige Zeit. Es gab fließend Wasser, Fernwärme und Elektrizität. … „In dem Wohnkomplex gab es die sogenannten Nahversorgungseinrichtungen, wie die Kaufhalle, den Friseur, die Post oder die Wohngebietskneipe. Es gab natürlich auch eine Schule, Kindergarten, Kinderkrippe, Spielplätze und vieles mehr. All das war auch für eine moderne, berufstätige Frau gedacht. … “

Jeder Wohnkomplexe war eine Stadt innerhalb der Stadt

Die Plattenbauten in Hoyerswerda waren in Wohnkomplexe unterteilt: Jeder einzelne Komplex war wie eine kleine Stadt innerhalb der Stadt organisiert: Jene waren mit Kindergarten, Einkaufsladen, Spielplatz und allen was dazugehört organisiert. Alle täglichen Besorgungen konnten also problemlos per kurzen Fußweg erledigt werden.

West-BRD-Wohnungen hinkten also ungefähr 100 Jahr hinter dem DDR-Standard hinterher

Zur selben Zeit hatte viele Altbauwohnungen in der West-BRD noch Kohleofen und – eine Toilette – für alle Mietparteien eines ganzen Hauses eingebaut. Die West-BRD-Wohnungen hinkten also ungefähr 100 Jahre hinter dem DDR-Standard hinterher. Die DDR-Wohnungen selbst waren also – für ihre Zeit – sehr Modern ausgestattet. Das Wohnungsproblem in der DDR ist vielmehr an ganz anderen Stellen zu suchen.

„Systemimmanenten Fehler und Defizite – Die mit der sozialistischen Planwirtschaft verbunden waren“

>>Globkult Magazin<<

„Grundsätzlich prägend für die Wirtschaft in der DDR waren natürlich – und das muss sicherlich vorangestellt werden – die systemimmanenten Fehler und Defizite, die mit der sozialistischen Planwirtschaft verbunden waren. Die sukzessive und dann flächendeckende Enteignung der Betreibe zerstörte zentrale und für eine effiziente Ökonomie unverzichtbare Grundbedingungen. Entscheidende wirtschaftliche Anreize und die Einheit von ökonomischem Risiko, Verantwortung und Haftung wurde beseitigt. Der zentrale Planungswahn trennte die Betriebe vom Markt. Eine freie Preisbildung wurde beseitigt und landesweit die Konkurrenz als unverzichtbaren Gradmesser für die wirkliche Leistungsfähigkeit der Betriebe unterbunden.“

DDR: „Verantwortung und Haftung wurde beseitigt – Der zentrale Planungswahn trennte die Betriebe vom Markt“

Vereinfacht: Es braute sich eine Mischung aus Inkompetenz, Bürokratie und noch viel mehr Ideologie zusammen. Davon war besonders der DDR-Wohnungsbau betroffen.

Mit staatlicher Ideologie gegen reale Wohnungsnot und Zementmangel

Elementares Problem: Der Zementmangel stellte sich als ein treuster Begleiter während der gesamten DDR-Geschichte hindurch heraus. Zudem wurden die ohnehin schon geringen Ressourcen sehr Schlecht eingesetzt. Infolge des Zweiten Weltkriegs waren nämlich viele Wohnungen und Betriebe zerstört. Was nicht kaputt war, das wanderte als „Kriegsbeute“ – respektive Reparation – in die Sowjetunion auf nimmerwiedersehen hin. Darunter hatten auch die Zementbetriebe zu leiden.

„Landesweit die Konkurrenz als unverzichtbaren Gradmesser für die wirkliche Leistungsfähigkeit der Betriebe unterbunden“

Zudem waren viele Wohnungen und Häuser zerstört. Zusammen mit der Mangelversorgung an Zement: Dadurch kam der Wiederaufbau nur sehr Schleppend voran. Letztendlich wurde der DDR-Wohnungsmangel nach 1945 nie wirklich beseitigt.

Gelebter Sozialismus: Zementmangel plus Wohnungsnot – Dafür hochfliegende sozialistische Pläne

Doch statt die beschädigten Häuser – infolge des Zweiten Weltkriegs – einfach Instand zu setzen: Da tauchte die sozialistische Ideologie in ihrer ganzen Pracht auf. Ein staatliches Wohnungsbauprogramm sollte auf einen Schlag das Wohnungsproblem beseitigen. Jedoch das stellte sich als ein ökonomisch aberwitziges Unterfangen heraus.

DDR-Wohnungsbau: Ein ökonomisch aberwitziges Unterfangen

Nun flossen die knappen Ressourcen in das sozialistische Wohnungsbauprogramm hinein. Folge: Nun konnten auch die existierende Bausubstanz kaum mehr erhalten werden, wodurch der schon bestehende Wohnungsmangel noch weiter angeheizt wurde. Zwar waren die DDR-Plattenbau-Wohnungen mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet und auch die Mieten waren gering. Allerdings es gab nur sehr wenige Wohnungen. Obwohl die Innenstädte sichtbar verfielen, war die DDR-Obrigkeit nicht mehr von ihren „Plan“ abzubringen. Die einmal festgefahrene Ideologie stellte sich als unüberwindbares Hindernis heraus. Letztlich ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die DDR an solchen kapitalen Fehlern auch zugrunde gegangen.

Obwohl die Innenstädte sichtbar verfielen: Die DDR-Obrigkeit war nicht mehr von ihren „Plan“ abzubringen

Allerdings ist die staatliche Planwirtschaft längst nicht zusammen mit der DDR untergegangen. Ganz im Gegenteil: Im neuen Gewand treten nun andere Akteure – mit einer sehr vertrauten Ideologieauf.

Planwirtschaft 2.0: „Brandenburg und Sachsen treiben Strukturentwicklung in der Lausitz gemeinsam voran“

>>Landesregierung Brandenburg<<

„Brandenburg und Sachsen treiben Strukturentwicklung in der Lausitz gemeinsam voran – Die beiden Länder setzen damit einen Beschluss aus ihrer gemeinsamen Kabinettssitzung … um. Das Gremium, dem Vertreter der mit den Folgen des Braunkohle-Ausstiegs hauptsächlich befassten Ministerien angehören, soll zukünftig Grundsatzfragen der Strukturentwicklung im Lausitzer Revier unter Leitung der Staatskanzleien klären.“

Privatwirtschaft hat ausgedient: „Grundsatzfragen der Strukturentwicklung im Lausitzer Revier unter Leitung der Staatskanzleien klären“ 

Le roi est mort, vive le roi. – oder: „Der König ist tot, es lebe der König.“ – Nur weil ein König stirbt, ist es keineswegs gleichbedeutend, dass die Monarchie mit ihn zu Grabe getragen wird. Nach der Planwirtschaft bedeutet also gleichzeitig vor der Planwirtschaft. Mit neuen „Kabinettssitzungen“ und „Kommissaren“ – die nennen sich wirklich sosoll eine strahlende Zukunft entstehen. Alle Zweifler müssen selbstredend hierrüber dem Mund halten.

 

–W E R Β U Ν G–

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