Lebensmittel – Rationierungen von „haushaltsüblichen Mengen“ & Preiskontrollen: Kommen bald illegale Parallelstrukturen?

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Lebensmittel: Steigende Preise, Rationierungen und nicht selten herrscht sichtbarer Mangel im Lebensmittelregal vor. Mit strengen Preiskontrollen soll nun die Inflation bekämpft werden. Und bei genauer Überlegung: Müsste nicht eigentlich eine Behörde die Rationierungen von Lebensmittelhändlern überwachen? – Denn jemand könnte mehrmals am Tag einkaufen gehen und damit die Rationierung umgehen? – Die logischer Schlussfolgerung musste also Lebensmittelkarten heißen. Immerhin kann hierbei auf einem großen historischen Erfahrungsschatz zurückgegriffen werden: Schließlich hören sich die heutigen Zustände nur allzu vertraut an.

„Haushaltsüblichen Mengen“ – „Verkauf von Pflanzenöl, Mehl, Toilettenpapier, Küchenpapier, Reis und Nudeln“

>>T-Online<<

„Vor allem Speiseöl wird knapp, aber auch andere haltbare Lebensmittel wie Mehl, Nudeln oder Reis sind sehr gefragt. … Verkauf nur noch in „haushaltsüblichen Mengen“ – Ein Rewe-Markt in Frankfurt begrenzt den Verkauf von Pflanzenöl, Mehl, Toilettenpapier, Küchenpapier, Reis und Nudeln auf „haushaltsübliche Mengen“ von maximal zwei Artikeln pro Haushalt. Bei Lidl dürfen pro Haushalt nur noch fünf Konserven erworben werden.“

„Dürfen pro Haushalt nur noch fünf Konserven erworben werden“

Solche Rationierungen können aber nur mit staatlicher Überwachung – und Bestrafung via Ordnungsamt – richtig greifen. Denn das mehrmalige Einkaufen pro Tag ist (noch) nicht verboten. Demzufolge drängt sich das altbewährte Konzept der Lebensmittelkarten regelrecht auf. Hört sich alles nach reiner Panikmache an? – Nicht so ganz: Preiskontrollen als Mittel zur „Inflations-Eindämmung“ sind schon in der Tagespolitik angekommen.

„Inflation: Preiskontrollen werden als Mittel zur Eindämmung diskutiert“

>>Euractiv<<

„Inflation: Preiskontrollen werden als Mittel zur Eindämmung diskutiert … Chefvolkswirt der Bank Austria, sieht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Preiskontrollen in Europa Fuß fassen werden. „Auch wenn wir davon überzeugt sind, dass die [negativen] Nebeneffekte von Preiskontrollen in den meisten Fällen die Vorteile überwiegen, wären wir nicht überrascht, wenn die politischen Entscheidungsträger sie trotzdem einführen würden“, erklärte er in einem UniCredit Research Newsletter.“

„Chefvolkswirt der Bank Austria, sieht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Preiskontrollen in Europa Fuß fassen“

Mit strengen staatlichen Preiskontrollen und einer amtlich festgesetzten niedrigen Inflation würden die Lebensmittelpreise entweder überhaupt nicht oder nur noch gering ansteigen. Vergleichbare Ideen wurden bereits zu DDR-Zeiten umgesetzt: Das Zauberwort des Einzelhandelsverkaufspreis war zu dieser Zeit allgegenwärtig.

„Für die meisten Produkte staatlich vorgegebene Festpreise galten“ – Vorbild: DDR-Einzelhandelsverkaufspreis?

>>DDR Rezepte<<

„Preise in der DDR – Was kostete in der DDR wieviel? – Da für die meisten Produkte staatlich vorgegebene Festpreise galten, waren Preisabweichungen selbst nach vielen Jahren eher selten und meist nur bei Weiterentwicklungen zu finden.“

„Preisabweichungen selbst nach vielen Jahren eher selten“ – Vorbild: DDR-Einzelhandelsverkaufspreis?

Mit staatlich vorgegebenen Festpreisen war die Inflation besiegt. Trotzdem stellte es nur die halbe Wahrheit dar. Viele Produkte waren entweder überhaupt nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten erhältlich. Es blühte ein regelrechter illegaler Markt auf.

DDR: „Häuslichen Tätigkeiten wegen der Schwierigkeiten bei der Zutatenbeschaffung gar nicht so einfach zu bewerkstelligen“

>>DDR Backbuch – Das Original (Buch) <<

„Auch die tradierten Hausfrauenbetätigungen wie Kochen und Backen galten eigentlich als kleinbürgerlich, nicht mehr der Zeit entsprechend und den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht mehr angemessen. Dabei waren diese häuslichen Tätigkeiten wegen der Schwierigkeiten bei der Zutatenbeschaffung gar nicht so einfach zu bewerkstelligen. Viele der begehrten Grundzutaten waren „Bückware“, also nur unter dem Ladentisch, nur mit Beziehungen und natürlich dann nur mit andersartigen Gegenleistungen zu erhalten.“

„Bückware“ – „Also nur unter dem Ladentisch“

Vereinfacht: Viele begehrte Produkte wurden nicht einfach offen angeboten, sondern unterm Ladentisch zu viel höheren Preisen oder gegen eine Gegenleistung verkauft. Da die Preise staatlich festgesetzt waren, sollte man sich dabei besser nicht erwischen lassen. Deshalb haben bestimmte Produkte nur besondere Leute erhalten.

„Ware, die nicht offen im Regal lag, sondern unter dem Kassentisch, also Bückware“

>>Warte nicht auf bessre Zeiten! von Wolf Biermann (Buch) <<

„Berühmt auch die »Bückware«. In meinem vertrauten Laden anner Ecke – man kannte sich – lief ich an den vollen oder leeren Regalen lang, griff mir dies und das, paar Eier, Graubrot, Milch, eingeschweißt im Plastikschlauch, Stück Butter, ’ne Mettwurst, ’ne Flasche Nordhäuser Doppelkorn. Aber manchmal plumpste plötzlich in meinen Einkaufskorb irgendwas Eingewickeltes. Die Verkäuferin grinste verschwörerisch, hob konspirativ den Zeigefinger und machte weiter. Wenn ich an der Kasse stand, bezahlte ich dieses eingewickelte Ichweißnichwas, und zwar ohne nervige Nachfragerei. Zu Haus in der Küche wickelte ich den Surplus-Profit aus: Delfter Blauschimmelkäse, seltener Import aus Holland! Ware, die nicht offen im Regal lag, sondern unter dem Kassentisch, also Bückware, für die sich die nette Verkäuferin extra bückte – aber natürlich nur für die richtigen Kunden.“

„Bückware“ – „Wenn ich an der Kasse stand, bezahlte ich dieses eingewickelte Ichweißnichwas, und zwar ohne nervige Nachfragerei“

Der „falsche Kunde“ hat vermutlich niemals Delfter Blauschimmelkäse zu Gesicht bekommen. Letztendlich haben sich im Zuge von Preiskontrollen und Rationierungen immer „Parallelstrukturen“ gebildet. Dieses Phänomen ist keineswegs auf die DDR beschränkt. Auch im Westdeutschland waren Bezugsscheine oder Lebensmittelkarten in der Nachkriegszeit bekannt.

„Schwarzmärkte“ – „Hier ist – ohne Bezugsscheine oder Lebensmittelkarten – alles zu kaufen“

>>Auch ich war ein Gauner von Eduard Zimmermann (Buch) <<

„Im Frühsommer 1945 bin ich dort, auf der »Großen Freiheit«, ein häufig gesehener Besucher. Recht oft verkehre ich auch in der benachbarten Talstraße. Da ist ebenfalls einer der über die Stadt verstreuten Schwarzmärkte. Hier ist – ohne Bezugsscheine oder Lebensmittelkarten – alles zu kaufen, was das Herz oder der hungrige Magen begehrt. … Die Verkäufer bieten ihre Waren recht ungeniert an: Lebensmittel, Spirituosen, Seidenstrümpfe und andere Kleidung, aber auch Fahrräder und Kinderwagen.“

„Schwarzmärkte“ – „Lebensmittel, Spirituosen, Seidenstrümpfe und andere Kleidung, aber auch Fahrräder und Kinderwagen“

Auf diesem „Schwarzmärkten“ wurden meist keine wirklich verbotenen Gegenstände oder Substanzen verkauft: Die dort gehandelten Produkte sind heutzutage faktisch in jeden gut-sortierten Baumarkt oder Lebensmittelladen frei verkäuflich erhältlich. Die Existenz dieser halb-legalen oder bisweilen illegalen Märkte ging letztlich auf die Einführung von Lebensmittelkarten zurück. Oder anders: Das Prinzip von Angebot und Nachfrage sucht sich immer einen Weg.