Kulturelle Hegemonie: „Es gibt nicht nur eine einzige Form der Kolonisierung“

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Die Bedeutung der kulturellen Hegonomie stellt noch heute ein unterschätztes Thema dar. Politische Systeme können entstehen und wieder vergehen: Doch kulturellen Hegonomie kann das alles unbeschadet überstehen. Schon der römische Dichter Horaz musste die militärische Überlegenheit gegenüber der kulturellen Hegonomie eingestehen.

Kulturellen Hegonomie: „Das eroberte Griechenland hat den wilden Sieger erobert“

>>Die Griechen von Edith Hall (Buch) <<

„Der römische Dichter Horaz formulierte treffend wie kein anderer: »Das eroberte Griechenland hat den wilden Sieger erobert« (Graecia capta ferum victorem cepit). In dieser Epoche eroberten die alten Griechen endgültig die westliche Mentalität und verfeinerten jene mentalen Landschaften, die wir noch heute bewohnen. Es gibt nicht nur eine einzige Form der Kolonisierung, und eine kulturelle Hegemonie wirkt dauerhafter als politische Dominanz. Wie Diodor sinngemäß schrieb: »Allein mit den Mitteln des Diskurses vermag ein Mann die Vorherrschaft über viele zu erlangen.«

„Allein mit den Mitteln des Diskurses vermag ein Mann die Vorherrschaft über viele zu erlangen“

Solche Aussagen können heutzutage sichtbares Erstaunen auslösen: Immerhin war das antike Griechenland durch das Römische Reich recht schnell niedergerungen. Dennoch breitet sich danach die griechische Kultur innerhalb des Römischen Reiches immer weiter aus. Vereinfacht: Schlussendlich wurde in der Westhälfte überwiegend Latein und in der Osthälfte eher Griechisch gesprochen. Letztendlich wurde das Imperium genau an dieser Nahtstelle auch geteilt. Das Oströmische Reich nahm später dem Namen „Byzanz“ an und führte auch offiziell Griechisch als Amtssprache ein.

Kulturelle Hegemonie: „Es gibt nicht nur eine einzige Form der Kolonisierung“

Selbstverständlich ist Diodor kein Unbekannter und seine Analysen wurden durchaus zur Kenntnis genommen. Seither wird die „kulturelle Hegemonie“ als Faktor durchaus ernst genommen. Schon im 19. Jahrhundert war die Bedeutung der kulturellen Hegemonie allseits bekannt und gerade die intellektuell meist eher einfachen Machthaber haben um ihre Stellung gefürchtet.

„Obrigkeitsgläubigkeit“ – „Uniformträger ein Stückchen Glanz der militärischen Aura verlieh“

>>Kaiserdämmerung von Rainer F. Schmidt (Buch) <<

„Man war der Stand in der Gesellschaft, der, ungeachtet des intellektuellen Hintergrundes, die Obrigkeitsgläubigkeit am meisten verinnerlicht hatte und den Militärkult am intensivsten betrieb. Hier war das Reserveoffizierspatent, das einen gymnasialen Abschluss voraussetzte und dem Uniformträger ein Stückchen Glanz der militärischen Aura verlieh, am begehrtesten. Zudem eignete es sich als ins Auge springendes Kennzeichen, um den Bildungsbürger von der Schicht der Kleinbürger abzugrenzen. … Es speiste sich aus dem Gefühl, dass inmitten der Ausfaltung der modernen Gesellschaft und ihrer egalitären Tendenzen die angestammte kulturelle Hegemonie des Bildungsbürgertums verloren zu gehen drohte.“

„Egalitären Tendenzen die angestammte kulturelle Hegemonie des Bildungsbürgertums verloren“

Die Obrigkeitsgläubigkeit war faktisch allumfassend. Sicherlich haben sich viele Zeitgenossen ausschließlich durch ihre Uniformen, Orden und Titel definiert. In diesem Mikrokosmos war die „Rangfolge“ klar geregelt. Deswegen konnte der falsche Hauptmann von Köpenickrespektive Friedrich Wilhelm Voigt – nur mit einer Uniform „bewaffnet“ sein Husarenstück durchziehen. Er brachte ein paar Soldaten – alleine durch sein Auftreten – unter seine Kontrolle und ließ danach den amtierenden Bürgermeister von Köpenick verhaften. Die Posse hat international einiges an Heiterkeit gesorgt.

„Obrigkeitsgläubigkeit“ – „Schuster Wilhelm Voigt verkleidete sich 1906 als Hauptmann, besetzte das Rathaus von Köpenick“

>>Spiegel<<

„Der Schuster Wilhelm Voigt verkleidete sich 1906 als Hauptmann, besetzte das Rathaus von Köpenick und türmte mit der Stadtkasse. Preußens Armee: blamiert. Der dreiste Gauner: über Nacht ein Medienstar, weltweit.“

Hauptmann von Köpenick: „Preußens Armee: blamiert. Der dreiste Gauner: über Nacht ein Medienstar, weltweit.“

Das Ereignis ließe sich auch aus einer anderen Perspektive betrachten: Die kulturelle Hegemonie hat das vermeintlich überlegene militärische System des Kaiserreichs  ad absurdum geführt. Spätestens an dieser Stelle wird klar: Welche Bedeutung die kulturelle Hegemonie hat und das ist noch heute zu beobachten.

„Kulturelle Hegemonie“ – „Säuberungen und Einschüchterungen von Akademikern“

>>Der Fall Erdogan von Sevim Dagdelen (Buch) <<

„Es ist, als ob die AKP-Strategen sich als treue Leser des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci erweisen wollten. Der Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens hatte in den 1930er Jahren in seinen legendären Gefängnisheften darauf hingewiesen, dass in kapitalistischen Gesellschaften Herrschaft eben nicht nur durch bloßen Zwang ausgeübt werden würde, sondern auch durch eine Hegemonie in der »Zivilgesellschaft« und ihren Institutionen. Dazu aber zählen Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten. Die Säuberungen und Einschüchterungen von Akademikern sollen also gerade dazu dienen, diese kulturelle Hegemonie der AKP zu verfestigen. … Die Tatsache, dass dies auch Gewerkschaften in der Türkei umfasst, erinnert an den italienischen Faschismus. Anders als in Hitler-Deutschland waren von Benito Mussolini die Gewerkschaften nicht zerschlagen, sondern von Faschisten übernommen worden, um dann in den Arbeitskammern zusammen mit den Arbeitgeberverbänden beispielsweise gemeinsam Lohnkürzungen für die Arbeiter durchzusetzen.“

„Hegemonie in der »Zivilgesellschaft« und ihren Institutionen“

Bei vermutlichen vielen Staatsführern wird die kulturelle Hegemonie als entscheidendes Thema eingestuft. Auch innerhalb Sorbischen Bevölkerung wird diese Problematik diskutiert.

„Die sorbische Kultur ist bedroht“

>>taz<<

“ „Die sorbische Kultur ist bedroht“ – Sorben sind oft: bemalte Eier, Folklore, alte Damen in Trachten. Gibt es eine sorbische Moderne?

Heiko Kosel: Dass diese Frage gestellt wird ist schon ein Problem, weil sie zeigt, wie wenig in der deutschen Mehrheitsgesellschaft über Sorben bekannt ist. Man greift auf uns immer als Klischee zurück. Sorben sind gut, um mit Brot und Salz und in Trachten zu begrüßen. Kommt der Bundespräsident in die Lausitz, erinnert man sich plötzlich an die Sorben.“

„Man greift auf uns immer als Klischee zurück“ – „Sorben sind oft: bemalte Eier, Folklore“

Die Bedrohung des Sorbischen wird meist nur einseitig auf die Sprache begrenzt, aber die Kultur der Sorben ist mindestens genauso bedroht. Viel kulturelle staatliche Förderung ist in Folklore-Veranstaltungen gebunden. Das Sorbisches National-Ensemble beispielsweise ist fast ausschließlich mit Folklore oder Übersetzungen von deutschen und anderen ausländischen Stücken beschäftigt. Außerhalb dieser sehr engen Sphäre findet faktisch keine Kultur statt. Auch der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk schließt sich hier nahtlos an.

Staatliche Förderung der Sorbischen Kultur: Einseitige Ausrichtung auf Folklore & Übersetzungen

>>Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus<<

„Sorbisch lernen mit dem Sandmännchen – Im Jahr 1996 flimmerte mit dem Sandmännchen die erste MDR-Fernsehsendung in Obersorbisch über die Bildschirme. Hierfür wurde Zwei-Kanal-Tontechnik eingesetzt.“

„Sorbisch lernen mit dem Sandmännchen“

Grundsätzlich kann gegen ein Sorbisches Sandmännchen und kulturellen Austausch niemand etwas sagen, aber es ist keine wechselseitige Beziehung, sondern eine Einbahnstraße. Zumal die Sorbische Kultur viel zu bieten hat.