Moderne Legenden: Wie Hoyerswerda zu Stadt der Rechtsradikalen wurde

Screenshot youtube.com

Die vermeintlich rechten Ausschreitungen von Hoyerswerda – unmittelbar nach der Wiedervereinigung – sind in der überregionale Wahrnehmung vieler Menschen noch heute präsent. Jedoch liegen die genauen Umstände noch immer im Dunkeln: Die genaue Täterschaft ist nach wie vor ungeklärt. Dafür findet eine regelrechte mediale Legendenbildung statt, die mit den realen Geschehnissen kaum noch etwas zu tun hat.

>>Spiegel<<

„Wie an den Abenden zuvor flogen am 19. September Steine. Wieder barsten Fenster, hallten rassistische Gesänge durch die Dämmerung. Nun drängelten sich schon 500 Menschen vor dem Heim, in dem Vietnamesen, Kubaner und Afrikaner lebten. Am 20. September räumten Polizeihundertschaften den Platz, der Mob zog zu einem weiteren Heim mit 236 Asylbewerbern in der Thomas-Müntzer-Straße. Sie schleuderten Stahlkugeln und Brandsätze, die Polizei kam mit Wasserwerfern, Hundestaffeln, Schlagstöcken. Dazwischen Uwe Schulz. „Plötzlich war ich mitten im Straßenkampf“, erinnert er sich. „In den Tagen habe ich viel über meine Stadt lernen müssen.“ Inzwischen ist er 45 und leitet die Zeitung, bei der er als Fotograf begann.“

Die gängige Erzählung lautet: 500 Menschen sollen als Mob in der Stadt gewütet haben. Aber originale Bildaufnahmen – von den Taten selbst – sind keine zu finden, weder Fotos noch Filmaufnahmen. Als in England Krawalle ausbrachen, konnten weitaus weniger Menschen, ganze Stadtteile in Schutt und Asche legen. Auch andere Länder, wie die regelmäßigen Ausschreitungen in Frankreich, liefern vergleichbare Belege ab. Anhand der verursachten Schäden in Hoyerswerda: Könnten hierfür auch nur eine handvoll Leute verantwortlich sein. Aber über die Täter selbst, ist nicht viel – oder eigentlich rein garnichts – in Erfahrung zu bringen: Es ist nicht mal sicher, ob die Verursacher überhaupt aus der Lausitz, geschweige aus Hoyerswerda stammen. Etwas ganz Ähnliches spielte sich seiner Zeit im Rostock – ebenfalls unmittelbar nach der Wiedervereinigung – ab.

>>Radio Hamburg<<

„Über 150 Neonazis gingen aggressiv auf die Bewohner des Wohnheim „Sonnenblumenhaus“ los, in dem sich noch über 100 Vietnamesen und ein Fernsehteam des ZDF aufhielten. Die Neonazis schmissen Molotowcocktails, gröllten Hetzparolen. Auf dem Höhepunkt der Ausschreitungen zog sich die Polizei zeitweise völlig zurück und die im brennenden Haus Eingeschlossenen waren schutzlos sich selbst überlassen. Nachdem die Eingeschlossenen sich in der Nacht von Montag auf Dienstag selbst aus dem brennenden Haus befreit hatten, wurden sie mit zwei Bussen aus Lichtenhagen evakuiert. Fast 3.000 „Zuschauer“ zeigten ihr wahres Gesicht, applaudierten und nahmen die Maske des „braven Bürgers“ ab. Ein Armutszeugnis für Rostock, ein noch größeres für das gerade wiedervereinigte Deutschland. Am 25. August beteiligten sogar sich bis zu 1.200 Personen an den Ausschreitungen – sie schienen in einem gesetzesleeren Raum zu aggieren, skandierten sich in eine Art Rausch. Am Ende wurden unter anderem 65 Polizisten verletzt, von den psychischen Folgen der Menschen im Wohnheim ganz zu schweigen. Die Greultaten von Rostock-Lichtenhagen erwuchsen zur größten ausländerfeindliche Ausschreitung in der deutschen Nachkriegsgeschichte.“

Screenshot via-midgard.com

Das dumme an dieser gängigen Erzählung: Es existiert Videomaterial. Zwar sind die Täter nicht zu erkennen, aber es dürften wohl nur fünf Leute sein: Die tatsächlich Gewalt anwenden. Der Rest sind passiver Zuschauer. Das Schadenbild ist hierbei, mit Hoyerswerda ungefähr Deckungsgleich. Hätten die Ausschreitungen wirklich mit bis zu 1.200 Personen, über mehrere Tage so stattgefunden: Dann entwickeln diese Krawalle für gewöhnlich – wie in anderen Ländern dokumentiert – schnell eine Eigendynamik und große Teile von Rostock würden am Ende in bürgerkriegsähnlichen Zuständen versinken – mit dementsprechenden Schadensbild. Auffällig ist hierbei: Die Polizei schreitet nicht ein und zieht sich sogar zurück. Natürlich nährt es den Verdacht, dass hier die Geheimdienste wohl nicht ganz untätig waren.

>>Lausitz Energie Bergbau<<

„Wie tausende andere kamen sie in der Blütezeit der Stadt ab Mitte der 1950er Jahre hierher, als in ihrer Nachbarschaft der VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe errichtet wurde (1955-1959), der damals größte Kohleveredlungsbetrieb in Europa. Hoyerswerda wurde damit zur Wohnstadt für die Familien der Kohlekumpel und Energiearbeiter ausgebaut. Es entstanden die durch Plattenbauweise geprägten Wohnkomplexe (WK). 70.000 Einwohner hatte Hoyerswerda in den 80er Jahren. Heute sind noch 33.435 hier zu Hause. Und bis heute gehört die Familie Meinel zu ihnen – die Großeltern Frank (79) und Helga (78), Sohn Jörg (55) und Enkeltochter Lisa (26).“

Rostock und Hoyerswerda waren keinesfalls irgendwelche Städte in der DDR. Rostock als einzigster maritimer Überseehafen, war das Tor zur Welt. Hoyerswerda war eine DDR-Vorzeigestadt oder Mustersiedlung – selbst eine Schiffsklasse der Seestreitkräfte wurde nach der Stadt benannt. Als die Wohnkomplexe Mitte der 1950er Jahre errichtet wurden, war dieses Vorhaben in der Größenordnung eine Weltneuheit. Die Wohnungen verfügten über Zentralheizung und separate Badezimmer. Selbstverständlich wurde der staatlich Wohnungsbau subventioniert und die geringen Mieten waren zwar nicht kostendeckend: Aber den meisten DDR-Bürgern war das ohnehin egal. Existenznot um Arbeitsplätze und sonstige Risiken des Lebens waren nahezu unbekannt. Ganz anders verhielt es sich zu Mitte der 1950er Jahre in der damaligen West-BRD: Wohnraum in Westdeutschland war zu Beginn der 1950er Jahre knapp und teuer. Nicht selten fraßen die hohen Mieten den Löwenanteil des Einkommens auf. Geheizt wurde häufig mit Kachelöfen und alle Mietparteien mussten sich ein Badezimmer und eine Toilette teilen. Zweifelsfrei waren diese unterschiedliche Entwicklungen, vielen Entscheidungsträgern im Westen ein Dorn im Auge. Der Kalte Krieg fand auf vielen Ebenen statt. Selbstverständlich berühren Fragen nach gesicherten Arbeitsplätzen, bezahlbaren Wohnraum und sozialer Sicherheit auch heute noch viele Menschen. Die ausführliche Geschichte rund um die Stadt Hoyerswerda – ist selbst in der Gegenwart – ein echter Störfaktor.

>>Neue Zürcher Zeitung<<

„Die sechs Tage im September haben das Bild Hoyerswerdas in Deutschland und im Ausland geprägt. Als der in Dresden tagende internationale Verband der Zoodirektoren vor einiger Zeit einen Abstecher zum Tierpark nach Hoyerswerda unternahm, fragten sich die Zoologen, ob sie in Hoyerswerda überhaupt sicher seien. Oberbürgermeister Horst-Dieter Brähmig erzählt die Episode halb belustigt, halb verärgert. «Hoyerswerda, das ist doch die Stadt der Rechtsradikalen», bringt der Oberbürgermeister die über seine Gemeinde zirkulierenden Urteile auf einen Nenner. Die Stadt werde heute stigmatisiert – und dies, obwohl sie nie eine Hochburg der Neonazis gewesen sei. … Für die These des Oberbürgermeisters, dass es für die Ausschreitungen keine spezifisch örtlichen Gründe gab, spricht einiges. In den meisten der eher hilflosen Erklärungsversuche hiess es hinterher, die latent ausländerfeindliche Stimmung in Ostdeutschland und die nach dem Kollaps der DDR fragile öffentliche Ordnung hätten eher zufällig in Hoyerswerda und nicht an einem anderen Ort zu den Krawallen geführt.“

Nahezu jeder überregionale Bericht über Hoyerswerda führt die obligatorischen Ausschreitung kurz nach der Wiedervereinigung an. Auch wird regelmäßig das Gedenken an diesen Tag, in großen Lettern gebetsmühlenartig wiederhohlt. Dieses Art Framing, führt dazu: Das eine ganze Stadt – von damals fast 80.000 Einwohnern – verunglimpft wird, obwohl bis heute die genauen Umstände im Dunkeln liegen. Die Täter von damals, könnten genauso gut von außerhalb in die Stadt angereist sein. Der NSU war ebenfalls tief mit dem Geheimdienst verstrickt, und legte über Jahrzehnte hinweg, eine erstaunliche Reisetätigkeit an den Tag. Denn wer kann schon mit Sicherheit sagen, ob nicht noch mehr Terror-Wanderzirkusse im Dunstkreis der staatlichen Nachrichtendienste herumfahren? Die medial als rechte Parteien verschrieenen NPD und AFD, unterhalten wichtige Parteimitglieder offenbar ebenso ein inniges Verhältnis zum Geheimdienst. Und überall das gleiche Bild: Statt Aufklärung, die aktive Pflege von modernen Legenden.

>>Spiegel<<

„Nichts ist schlimmer als der Tod eines Kindes. Das ist gewiss. Ungewiss ist, wie es um ein Land bestellt sein muss, das sich über eine Woche lang der Barbarei für fähig gehalten hat: des bestialischen Mordes an einem Kind. Es stand auf den Titelseiten aller Zeitungen: Ein Sechsjähriger, von einer Horde Neonazis jämmerlich in einem Spaßbad ertränkt, vor den Augen der Badegäste, und ringsum eine Kleinstadt, die drei Jahre lang mit dem kleinen Leichnam leben kann, ohne dass ein Wort von dem Mord nach außen dringt. Das ganze Land zog sich ein grässliches Kleid an, stellte sich vor den Spiegel und sagte: „Passt.“ Als wäre das zusammenge- schneiderte Gewebe von Vermutungen, Widersprüchen, Schlampereien, selbst gesuchten Zeugenaussagen ein Maßanzug. „

Tatsächlich ist damals in den besagten Schwimmbad ein Kind ertrunken: Aber – anders als der Bericht es andeutet – war es bloß ein tragischer Badeunfall und kein Mord von Neonazis. Selbst simpelste Recherche hätte diesen Sachverhalt damals – ohne großen Aufwand – aufgeklärt. Stattdessen wird über Monate hinweg, ein ganzer Ort in den medialen Abgrund geschrieben. Eine ganze Ortschaft wird – wie in Hoyerswerda und Rostock – in die medialen Sippenhaft genommen. Diese Art von Fakenews, sind aber völlig in Ordnung.

 

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