Doppelsprech mit „Gut“ & „Böse“ – Wie die Spaltung der Gesellschaft beides zeitgleich sein kann

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Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch mit seiner berühmten Beispiels des orwellschen Doppelsprechs: „Ich danke Ihnen für Ihre wertvollen kritischen Bemerkungen … ich bin mir sicher, diese Sanktionen werden mich, mmm, sozusagen zu weiterem Schaffen anregen … und mir zu, äh, Einsichten verhelfen … Indem ich mein vorheriges Schaffen revidiere, will ich anstelle eines Schritts zurück lieber einen Schritt nach vorn machen …

Verwirrender Doppelsprech: „Zu weiterem Schaffen anregen“ – „Indem ich mein vorheriges Schaffen revidiere“

Das Konzept des Doppelsprechs  ist vielleicht nicht ganz einfach zu verstehen: Aber im Kern geht es um das Verhältnis zwischen Elite und übrigen Bevölkerung. Deshalb kann Ausgrenzung und Spaltung gleichzeitig gut und böse sein. – Klingt immer noch zu verwirrend? Dabei lässt sich dieses Konzept – auch ohne Erfinder des Doppelsprechs George Orwell – bis zum antiken Römischen Reich zurückverfolgen.

Antikes Römisches Reich: „Sie hatten mit großen sozialen, politischen und rechtlichen Ungleichheiten zu kämpfen“

>>Der Aufstieg Roms von Kathryn Lomas (Buch) <<

„Die früheste Geschichte Italiens und Roms ist zeitlich weit entfernt, doch sie spricht in erstaunlichem Ausmaß Phänomene an, die auch unsere Moderne angehen. Die damaligen Gesellschaften waren mit den Belastungen und Spannungen in multi-ethnischen Gemeinwesen konfrontiert; sie hatten mit großen sozialen, politischen und rechtlichen Ungleichheiten zu kämpfen, und neben breiten Bürgerschaften stand eine internationale Elite. Im dritten Jahrhundert hatte Rom ferner mit den ethischen und praktischen Fragen zu tun, die sich aus der schnellen imperialen Expansion ergaben.“

Römisches Imperium: „Spricht in erstaunlichem Ausmaß Phänomene an, die auch unsere Moderne angehen“ 

Die antike Macht von Rom hat erheblich auf dem Konzept von „Teile und Herrsche“ – respektive Divide et imperabasiert. Heutzutage würde man wohl mit „Spalte und Herrsche“ mehr anfangen können, was aber im Kern nichts anderes aussagt: Und dieses Grundkonzept wurde in der heutigen Zeit regelrecht auf die Spitze getrieben. Alt gegen Jung. Frauen gegen Männer. Arbeiter gegen Arbeitslose. Die Liste lässt sich nahezu bis in die Endlosigkeit fortsetzen und am Ende ist eine geradezu „Atomisierung der Gesellschaft“ zu beobachten. Aber nach Konzept des Doppelsprechs darf die Spaltung der Gesellschaft keinesfalls ausschließlich Schlecht sein.

Wie mit obskuren wissenschaftlichen Studien die Spaltung der Gesellschaft befördert wird?

>>Stern<<

„Ein Drittel der Bevölkerung gehört laut einer Studie einem von zwei Blöcken an, die sich mit verhärteten Positionen gegenüberstehen. Experten sehen die Spaltung der Gesellschaft mit Sorge. Es gehe um einen grundlegenden Identitätskonflikt. In Deutschland haben sich einer Umfrage zufolge zwei verfestigte Lager mit extrem gegensätzlichen Haltungen gebildet, denen ein erheblicher Teil der Bevölkerung angehört. In den beiden Blöcken seien Einstellungen zu nationaler Zugehörigkeit, Demokratie und Vertrauen in die Politik komplett entgegengesetzt.“

„Entdecker“ & „Verteidiger“ – Helden einer Romanfigur oder Protagonisten einer wissenschaftlichen Studie?

Die wissenschaftliche Studie der Universität Münster kann man getrost als Wissenschafts-Hokuspokus abtun. Hierzu wurde die Bevölkerung in die willkürlichen Kategorien „Entdecker“ und „Verteidiger“ eingeteilt, ohne dass es eine nachvollziehbare Begründung gab. Die Begrifflichkeiten wurden willkürlich aus der Luft gegriffen und danach mit frei-erfundenen Kritisieren gefüllt. Genausogut ließe sich ein beliebige-gewähltes kleine Dorf mit einen Lineal auf einer Karte willkürlich in zwei Hälften teilen – also in zwei „Parteien“ einteilen – und danach die wissenschaftliche Erkenntnis: „Erstmals empirischer Nachweis für identitätspolitische Spaltung“ öffentlich verkünden. – So hat die Überschrift der dazugehörigen Überschrift der Pressemitteilung von der Universität Münster gelautet. Bei der selben Universität lassen sich auf einer anderen Seite ganz anderslautende Worte eines Politikers zum Thema „Spaltung“ lesen.

„Der soziale Zusammenhalt sei vielerorts in Gefahr“

>>Universität Münster<<

„Der soziale Zusammenhalt sei vielerorts in Gefahr, so der Politiker. Es gelte, „den unausweichlichen Wandel für alle erträglich zu gestalten, die Sorgen ernst zu nehmen und Zutrauen in die Zukunft zu vermitteln.“ … Eine demokratische Verfassung setze die politische Einheit des Volkes voraus und trage ihrerseits zur Einheit bei: „Sie hat integrierende Funktion, formuliert den Grundkonsens in der Gesellschaft.“

Doppelsprech: „Politische Einheit des Volkes“ – Darf ein Normalbürger solche NS-Vokabeln verwenden?

Die „Einheit des Volkes“ und ein „Grundkonsens in der Gesellschaft“ ? – Der dazugehörige Politiker hat schon viele öffentliche Ämter bekleidet und war zeitweise, Innenminister, Finanzminister und Bundestagspräsident gewesen. Immerhin ist nun „amtlich“ dass das Wort Spaltung – nach Konzept des Doppelsprechs – als „gut“ und gleichzeitig „böse“ gelten kann. Vereinfacht: Spaltung ist immer dann „böse“ wenn es die Machtbasis der Obrigkeit gefährdet und „gut“ sofern sich die Unterschicht damit gegenseitig behagt. Ohnehin hätte ein Normalbürger solche Wort wie „Einheit des Volkes“ niemals in den eignen Mund nehmen dürfen. Die Verharmlosung der NS-Herrschaft mag zwar juristisch Straffrei sein, aber dafür kann es Hausdurchsuchungen von der Polizei geben. Doch nach Grundregeln des Doppelsprechs dürfen andere NS-Vokabeln und NS-Vergleiche völlig ungestört und ungestraft verwenden.

Doppelsprech: „Mission: Nazis entlassen“ – Warum NS-Vergleiche bei einigen Protagonisten erlaubt seien

>>Zentrum für Politische Schönheit<<

„Mission: Nazis entlassen – Um das herauszufinden, haben wir über 3 Millionen Bilder von 7.000 Verdächtigen ausgewertet. Das Ziel: den Rechtsextremismus systematisch zu identifizieren und unschädlich zu machen. Mit der »Soko Chemnitz« rollte die größte Entnazifizierungsaktion des Landes seit 1945 an. Die Bevölkerung war aufgerufen, Arbeitskollegen, Nachbarn und Bekannte bei der Soko zu denunzieren und Sofort-Bargeld zu kassieren.“

„Entnazifizierungsaktion des Landes seit 1945“ – „Systematisch zu identifizieren und unschädlich zu machen“

Nicht nur das NS-Vergleiche bestimmte Protagonisten problemlos verwenden dürfen, sondern bei Vokabeln wie „größte Entnazifizierungsaktion“ wären wohl die selbst gewählten Kriterien des Verfassungsschutzes für sogenannte „Reichsbürger“ erfüllt. Diese Art von Rasterfahndung und Selbstjustiz würde normalerweise erheblich Konsequenzen nach sich ziehen. Doch zuweilen sieht sich das sogenannte „Zentrum für Politische Schönheit“ augenscheinlich über dem Gesetz stehen. Der Eindruck kann sich auch bei anderen Aktionen der selbsternannten Künstlergruppe kaum verwehren. Trotz „Stalking-Paragraph“ oder Nachtstellungs-Paragraph hat das sogenannte „Zentrum für Politische Schönheit“ ein Privathaus eines Oppositionspolitikers wochenlang in Form einer selbsterklärten „Kunstaktion“ in einem regelrechten Belagerungszustand verwandelt. Doch bei Ministern in Amt und Würden sind die Schwellen der Toleranz viel Tiefer angesiedelt, was eine Kundgebung von nur ein paar Minuten sehr gut gezeigt hat.

Doppelsprech bei NS-Vergleichen: „SA-Methoden“ – „Sachsens Gesundheitsministerin“

>>Schweriner Volkszeitung<<

„Sachsens Gesundheitsministerin: „SA-Methoden“: Fackel-Protest vor Haus von Petra Köpping sorgt für Entsetzen … Nach Angaben der Polizei versammelten sich am Freitagabend vor dem Haus in Grimma etwa 30 Menschen.“

Doppelsprech & Römisches Sprichwort: „Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt“

Selbstverständlich dürfen Minister die Vokabel „SA-Methoden“ in den eigenen Mund nehmen und damit Vergleiche zur NS-Herrschaft ziehen. Doch der Normalbürger sollte solche Vergleiche – im Rahmen des Doppelsprechs – keinesfalls ziehen. Zwar darf nach dem GrundgesetzrespektiveAlle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ – niemand – auch nicht bei politischen Anschauungen – bevorzugt oder benachteiligt werden, aber schon der Erfinder des Doppelsprechs George Orwell wusste es besser: Manche sind nun mal etwas „Gleicher“ als andere. Und dass diese Gegebenheiten weit zurückreichen, das macht ein altes römisches Sprichwort deutlich: „Quod licet Iovi, non licet bovi“ – sinngemäße Übersetzung: „Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt

 

Originally posted 2021-12-07 13:06:16.