Gerät die Bundeswehr mit Frankreich und der Europäische Union in neue Kolonialkriege hinein?

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Kann sich die Bundeswehr in Kolonialkriege verstricken? – Die enge militärische Verbindung zu Frankreich scheint diese Frage immer weiter in den Fokus zu rücken. Aus Perspektive der Bundesregierung wird Kolonialismus quasi mit „Unrecht und Ungerechtigkeit“ gleichgesetzt und das Erbe der Kolonialzeit als übergroße Schuldfrage behandelt.

„Debatte um die Aufarbeitung des kolonialen Erbes Deutschlands“

>>Presse- und Informationsamt der Bundesregierung<<

„Es bleibt unsere moralische Verantwortung, Unrecht und Ungerechtigkeit ans Licht zu holen und unsere koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten“, erklärte Kulturstaatsministerin Grütters in ihrer Rede im Deutschen Bundestag. Anlass war eine Debatte um die Aufarbeitung des kolonialen Erbes Deutschlands. … Verdrängt und vergessen war das blutige Erbe der Kolonialzeit lange – viel zu lange! – auch in Deutschland. Doch es bleibt unsere moralische Verantwortung, Unrecht und Ungerechtigkeit ans Licht zu holen und unsere koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten, nicht zuletzt auch kulturpolitisch.“

„Unrecht und Ungerechtigkeit ans Licht zu holen und unsere koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten“

Die Frage des Kolonialismus spielt sich aber nicht nur in der Vergangenheit ab. Zwar wird im Zuge der Europäischen Union gerne von „Europa“ geredet, aber viele EU-Mitgliedstaaten haben ihr koloniales Erbe gleich mit intrigiert: Nicht wenige dieser Kolonien sind fernab jeder Grenze von Europa gelegen. Besonders im Pazifischen Ozean hat die Kolonialzeit nie wirklich aufgehört.

Warum im Pazifischen Ozean die Kolonialzeit nie wirklich geendet hat?

>>Pazifik-Informationsstelle<<

„Schaut man sich die Karte des Pazifiks an, so sieht man, dass von den insgesamt 27 politischen Einheiten gerade einmal 15, also knapp über die Hälfte, unabhängig sind. Die übrigen zwölf stehen weiterhin unter Fremdherrschaft.“

„Karte des Pazifiks“ – „Insgesamt 27 politischen Einheiten gerade einmal 15, also knapp über die Hälfte, unabhängig sind“

Insbesondere Frankreich konnte im Pazifik viele seine Kolonien über die Zeitenwende retten. Eines der größten kolonialen Hinterlassenschaften – inklusive Seeterritorium – dürfte Französisch-Polynesien sein. Die französische Okkupation aus dem 19. Jahrhundert konnte bis heute gehalten werden. Allerdings sind die Rufe nach Unabhängigkeit von Französisch-Polynesien sogar aus der UNO zu hören gewesen.

„UNO für die Unabhängigkeit von Französisch-Polynesien“

>>Die Presse<<

„Trotz Protesten aus Paris hat sich die UNO für die Unabhängigkeit von Französisch-Polynesien stark gemacht. … Frankreich boykottierte die Sitzung. Das französische Außenministerium sprach von einer „unverhohlenen Einmischung“ in die Souveränität des Landes. … Auch Deutschland, die USA und Großbritannien distanzierten sich von dem UN-Beschluss, der allenfalls symbolische Kraft entfaltet.“

Unabhängigkeit von Polynesien? – „Auch Deutschland, die USA und Großbritannien distanzierten sich von dem UN-Beschluss“

Viele UN-Beschlüsse sind eher durch ihre symbolische Wirkung gekennzeichnet: Zu mehr kann sich der zerstrittene Haufen häufig nicht durchsetzen. Aber die Distanzierung von Deutschland dürfte allemal interessant sein: Immerhin setzt sich die Bundesregierung faktisch für Kolonialismus ein. Alles nur ein bedauerlicher Einzelfall? – Mitnichten. In der französischen Kolonie unabhängigen Staat Mali sind Truppen der Bundeswehr stationiert. Auch dort geht es vermutlich weniger um Menschenrechte und Demokratie, sondern mehr um handfeste wirtschaftliche Interessen von Frankreich.

„Frankreichs Sorge um Uran aus der Wüste“

>>Manager Magazin<<

„Frankreichs Sorge um Uran aus der Wüste – Der Krieg in Mali ist eng verbunden mit der Rohstoffzufuhr für den Atomstaat Frankreich. Im angrenzenden Niger gerät die wichtigste Bezugsquelle für Uran in Gefahr. … Am Rand der Aïr-Berge sollen die Spezialtruppen drei Uranbergwerke des Areva-Konzerns vor Islamisten und Tuareg-Rebellen schützen, berichten das Magazin „Le Point“ und die Agentur Reuters aus Pariser Militärkreisen. … Der Zusammenhang zum Krieg im Nachbarstaat Mali ist unmittelbar. Zwischen Arlit und der malischen Rebellenhochburg Kidal liegen nur Wüste und eine gedachte Staatsgrenze.“

„Krieg in Mali ist eng verbunden mit der Rohstoffzufuhr für den Atomstaat Frankreich“

Uran und Kolonien sind mit Frankreich untrennbar miteinander verbunden. Schon die ersten französischen Kernwaffentests fanden in der algerischen Wüste statt. Damals war Algerien noch eine französische Kolonie gewesen. Auch die letzte französische nukleare Bombe wurde nicht etwa vor dem Toren von Paris, sondern im fernen Französisch-Polynesien gezündet. Offenbar ist das billige Uran aus Afrika nicht nur für Kernwaffen, sondern auch für französische Atom-U-Boote, Flugzeugträger und Kernkraftwerke unerlässlich. Das französische Selbstverständnis scheint wenig mit den deutschen Anti-Kernkraft und Anti-Kolonialismus kompatibel zu sein. Dennoch wird eine Deutsch-Französische Brigade unterhalten.

„Deutsch-Französische Brigade ist eine binationale Infanteriebrigade bestehend aus deutschen und französischen Truppen“

>>Bundeswehr<<

„Die Deutsch-Französische Brigade ist eine binationale Infanteriebrigade bestehend aus deutschen und französischen Truppen. Sie ist ein wichtiges Element der Reaktionsfähigkeit von EU und NATO. Die Brigade beteiligt sich an NATO-Großübungen. Die Brigade ist ein schlagkräftiger operativer Einsatzverband und ist weltweit im Einsatz. … Die Deutsch-Französische Brigade ist ein Großverband, in dem deutsche und französische Soldatinnen und Soldaten gemeinsam kämpfen. Sie ist spezialisiert für den Einsatz verbundener Kräfte.“

„Brigade ist ein schlagkräftiger operativer Einsatzverband und ist weltweit im Einsatz“

Immerhin kann Frankreich auf einem langen Erfahrungsschatz von Ausländern in der eigenen Armee verweisen. Die Fremdenlegion wurde im Jahr 1831 ins Leben gerufen und sie setzt hauptsächlich aus Ausländern zusammen. Frauen werden dort grundsätzlich – bis auf eine Ausnahme – nicht aufgenommen. Auch die Entstehungsgeschichte der Fremdenlegion leitet sich unmittelbar aus den französischen Kolonialbesitz ab.

Französische Fremdenlegion & Gleichberechtigung: Frauen wird der Zugang verwehrt

>>Gerda und Wolfgang Krapohl<<

„Fremdenlegion in Calvi – Die Legionärs-Einheit wurde nach Ende des Algerienkriegs (1962) nach Korsika verlegt, denn auf Korsika herrschen ideale Bedingungen für eine harte Ausbildung: Tauchen, Fallschirmspringen und Überlebenstraining in der undurchdringlichen Macchia. … Die 1831 unter dem französischen König Louis Philipp gegründete Legion ist Bestandteil der französischen Armee. Zunächst wurde sie zur Sicherung des nordafrikanischen Kolonialbesitzes eingesetzt. Auch heute tritt sie nur bei außer­europäischen Problemen in Aktion.“

Französische Fremdenlegion: „Auch heute tritt sie nur bei außer­europäischen Problemen in Aktion“

Die Stationierung auf Korsika dürfte noch aus anderen Gründen einen Sinn ergeben. Zwar ist die Insel heute ein integraler Bestandteil von Frankreich, aber das war nicht immer so. Ursprünglich war Korsika ein unabhängiger Staat gewesen. Letztendlich wurde die Insel von Frankreich annektiert und lange Zeit als Kolonie behandelt. Dennoch sind die Forderungen nach erneuter Unabhängigkeit der Insel aktuell geblieben, was augenscheinlich der dortigen Stationierung der Fremdenlegion zu untermauern scheint.