„In dem die Sonne nie untergeht“ – Mit der Europäischen Union zur neuen Kolonialmacht?

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Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“ – Dieser Satz hat Bernhard von Bülow im 19. Jahrhundert während einer Reichstagsrede gesagt. Zu dieser Zeit wurde in dem heutigen Räumen des Deutschen Bundestages die Kolonialisierung maßgeblich vorangetrieben. Rein formal waren die deutschen Besitzungen in Übersee dem Auswärtigen Amt unterstellt. – Diesem geschichtlichen Aspekt würde man vermutlich dort am liebsten vergessen.

„Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“

Denn heutzutage werden in dem selben Räumlichkeiten ganz andere Töne angeschlagen. Aber lässt sich die Kolonialismus nur auf ein paar Jahrzehnte eingrenzen? Schon zu Zeiten von Karl V. haben Zeitgenossen von einem Reich „in dem die Sonne nie untergehtgesprochen. – Vermutlich hat sich Bernhard von Bülow darauf berufen. Jedenfalls zahlreiche Anträge fordern „Aufarbei­tung des kolonialen Erbes“ ein.

„Kulturpolitische Aufarbei­tung des kolonialen Erbes“

>>Deutscher Bundestag<<

„Kulturpolitische Aufarbei­tung des kolonialen Erbes – Kulturpolitische Aufarbei­tung des kolonialen Erbes – Die Aufarbeitung müsse systematisch angegangen werden und bedürfe der „Einbeziehung unterschiedlicher politischer und gesellschaftlicher Ebenen, so heißt es im Antrag. “Dies bedeutet nicht nur eine Überprüfung der bisherigen Restitutionspraxis und Ausstattung der Provenienzforschung in Bund und Ländern. Dringend notwendig sind vielmehr eine grundlegende Erweiterung der deutschen Erinnerungskultur und ihrer Narrative sowie die Einbettung in den europäischen bzw. globalen Kontext der Kolonialisierung und des Imperialismus.“

„Einbettung in den europäischen bzw. globalen Kontext der Kolonialisierung und des Imperialismus“

Das heutige Verständnis von Kolonialismus wird also auf einem kleinen geschlichen Aspekt eingegrenzt. Dabei müsste niemand weit in die Vergangenheit oder entfernte Länder schweifen: Schon das Nachbarland Frankreich – besonders im Rahmen der Europäische Union – ist der Kolonialismus sehr aktuell.

Frankreich: „Ruf nach Unabhängigkeit – Korsika“

>>Handelsblatt<<

„Ruf nach Unabhängigkeit – Korsika (Frankreich) – Inzwischen haben die Geheimdienste des Landes nach Einschätzung französischer Experten die früher einmal bedeutende Unabhängigkeitsbewegung unterwandert, gespalten und mit der organisierten Kriminalität in Beziehung gebracht. Dieses Vorgehen war erfolgreich, was die Schwächung der Autonomiebewegung anging.“

Wie der ehemaliger unabhängige Staat Korsika zu einen Teil von Frankreich wurde

Zwar ist heute Korsika ein integraler Bestandteil von Frankreich und der Europäischen Union, aber zuvor war es ein unabhängiger Staat gewesen. Die Insel wurde lange Zeit als Kolonie behandelt und erst im Laufe der Zeit vollständig ins Mutterland integriert. Trotzdem ist der Begriff „Kolonie“ noch teilweise zutreffend: Die Rufe nach Unabhängigkeit sind nicht verstummt und erhebliche Teile der Fremdenlegion sind auf der Insel stationiert: Dieses Merkmal trifft auch auf andere „Außenposten“ von Frankreich zu. Auch die Situation in Französisch-Polynesien weist erstaunliche Parallelen auf.

„Französisch-Polynesien“ – „Fordert die Loslösung von Frankreich“

>>Die Presse<<

„Eine Resolution, die von pazifischen Inselstaaten eingebracht wurde, fordert die Loslösung von Frankreich. Dieses hatte die Sitzung boykottiert. Trotz Protesten aus Paris hat sich die UNO für die Unabhängigkeit von Französisch-Polynesien stark gemacht.“

„Trotz Protesten aus Paris“ – „UNO für die Unabhängigkeit von Französisch-Polynesien“

Diese Überseedepartments von Frankreich – respektive La France d’outre-mer – sind rund um dem Erdball verteilt. Der Ausspruch zu Zeiten von Karl V. also einem Reich „in dem die Sonne nie untergeht“ trifft in der Gegenwart sehr wohl auf Frankreich zu: In irgendeinen Department oder Überseedepartment von Frankreich wird zu jeder Uhrzeit sehr wohl die Sonne scheinen. Zugleich sind viele ehemalige Kolonien von Frankreich immer noch eng mit der einstigen Kolonialmacht verbunden.

„Der Krieg in Mali ist eng verbunden mit der Rohstoffzufuhr für den Atomstaat Frankreich“

>>Manager Magazin<<

„Der Krieg in Mali ist eng verbunden mit der Rohstoffzufuhr für den Atomstaat Frankreich. Im angrenzenden Niger gerät die wichtigste Bezugsquelle für Uran in Gefahr. Die aktuelle Schwäche des Markts für den Nuklearbrennstoff schürt weitere Unruhe in der Region.“

„Im angrenzenden Niger gerät die wichtigste Bezugsquelle für Uran in Gefahr“

Anders als in Deutschland setzt Frankreich auf Kernenergie und kann Nuklearwaffen sein Eigen nennen. Die Uranvorkommen in Afrika sind also von strategischer Bedeutung für Frankreich. Im Grunde werden in Frankreich all die Dinge forciert, die Deutschland offiziell ablehnt, aber im Rahmen der Europäischen Union am Ende doch mitmacht. Vereinfacht: Deutscher Kolonialismus ist böse, aber Kolonialismus im Rahmen der Europäische Union vollständig akzeptiert. Dieser politische Doppelstandard dürfte nur schwer zu überbieten sein.