Kalte Progression: „Obwohl das Gehalt gestiegen ist, hat man real weniger Geld in der Tasche“

Screenshot twitter.com Screenshot twitter.com

Was, wenn bei einer Gehaltserhöhung nicht mehr, sondern weniger am Ende des Monats übrig bleibt? Mag ein bisschen seltsam oder vielleicht sogar verwirrend klingen? – Denn bei Lohnerhöhungen dürften die allerwenigsten Menschen das Finanzamt auf dem Schirm haben. Die kalte Progression kann – unter Umständen – eine Lohnerhöhung ins genaue Gegenteil verkehren. So mancher Rentner kann sicherlich aus eigenen Erleben davon berichten.

Kalte Progression in der Praxis: „103.000 Rentner mehr werden steuerpflichtig“

>>n-tv<<

„103.000 Rentner mehr werden steuerpflichtig – Rentner dürfen sich zwar ab Juli über eine saftige Erhöhung ihrer Bezüge freuen, doch Zehntausende von ihnen werden dadurch vom Finanzamt zur Kasse gebeten. … Dadurch sind dann aber auch mehr Rentner verpflichtet, eine Steuererklärung abzugeben. Das ist immer dann der Fall, wenn das zu versteuernde Einkommen den jährlichen Grundfreibetrag überschreitet.“

„Rentner“ – “ Über eine saftige Erhöhung ihrer Bezüge freuen, doch Zehntausende von ihnen werden dadurch vom Finanzamt zur Kasse gebeten“

Diese Rentner sind etwa durch eine plötzliche Rentenerhöhung reicher geworden, sondern jene Erhöhung ist eigentlich nur als Inflationsausgleich gedacht. Dieser Effekt wird kalte Progression und davon sind nicht nur Rentner betroffen.

„Jedes Jahr sind mehr Steuerzahler vom Spitzensteuersatz betroffen“

>>Handelsblatt<<

„Jedes Jahr sind mehr Steuerzahler vom Spitzensteuersatz betroffen, der eigentlich für Topverdiener gedacht ist. Doch aufgrund der Inflation gelten Sie immer weniger als wirkliche Spitzenverdiener.“

Kalte Progression: „Aufgrund der Inflation gelten Sie immer weniger als wirkliche Spitzenverdiener“

Das Finanzamt muss sich also um immer mehr Spitzenverdiener kümmern? – Wohl eher kaum: Auch hier schlägt die Inflation zu und das Finanzamt greift die „gestiegenen Löhne“ einfach ab. Auf die Reallohnentwicklung wird kaum Rücksicht genommen. Immerhin wurde das Problem erkannt und es wird sich allerhand Mühe gegeben: Die kalte Progression zu erklären.

„Der Begriff der „kalten Progression“ bezeichnet eine Art schleichende Steuererhöhung“ 

>>Bundesministerium der Finanzen<<

„Was ist die kalte Progression? – Gemäß dem Progressionsbericht werden als kalte Progression Steuermehreinnahmen bezeichnet, die entstehen, soweit Einkommenserhöhungen die Inflation ausgleichen und es in Folge des progressiven Einkommensteuertarifs bei somit unverändertem Realeinkommen zu einem Anstieg der Durchschnittsbelastung kommt.

In einfacheren Worten: Der Begriff der „kalten Progression“ bezeichnet eine Art schleichende Steuererhöhung, wenn eine Gehaltserhöhung komplett durch die Inflation aufgefressen wird, aber dennoch zu einer höheren Besteuerung führt. Ergebnis: Obwohl das Gehalt gestiegen ist, hat man real weniger Geld in der Tasche.“

„Obwohl das Gehalt gestiegen ist, hat man real weniger Geld in der Tasche“

Durch irgendwelche undurchsichtigen „Ausgleichsmechanismen“ soll – laut Bundesministerium der Finanzen – die kalte Progression überwunden oder abgeschwächt werden. – Oder übersetzt: Es wird sich nichts grundlegendes ändern und auf der Strecke ist die Steuergerechtigkeit geblieben.

„Welchen gewaltigen Fortschritt bedeutete mehr Steuergerechtigkeit?“

>>Ausstieg links? Eine Bilanz von Gregor Gysi & Stephan Hebel (Buch) <<

„Welchen gewaltigen Fortschritt bedeutete mehr Steuergerechtigkeit? Es könnte uns gelingen, die Steuerfreibeträge für den ärmeren Teil der Bevölkerung zu erhöhen, die kalte Progression und den Steuerbauch für die Mitte der Gesellschaft zu beseitigen und den Spitzensteuersatz angemessen zu erhöhen.“

„Die kalte Progression und den Steuerbauch für die Mitte der Gesellschaft zu beseitigen“

Natürlich kann sich jeder zum Thema Spitzensteuersatz eine eigene Meinung bilden: Trotzdem müssen viele Menschen hohe Steuern zahlen, obwohl ihre Realeinkommen dieses keineswegs hergeben. Mehr noch: Vieles deutet auf die Verfassungswidrigkeit der kalten Progression hin.

„Die kalte Progression ist eine »verschleierte« laufende Steuererhöhung“

>>Abgezockt und kaltgestellt: Wie der deutsche Steuerzahler systematisch ausgeplündert wird von Peter Lüdemann (Buch) <<

„Die kalte Progression ist eine »verschleierte« laufende Steuererhöhung. Sie ist verfassungswidrig, da sie den Grundgedanken des Grundgesetzes widerspricht, dass nur derjenige mehr zahlen soll, der auch leistungsfähiger geworden ist. Ein verfassungskonformer Steuertarif setzt daher einen »Tarif auf Rädern« voraus, der laufend der Inflation angepasst wird. Andere Länder zeigen: Flexibel geht’s auch Letzteres gibt es häufiger, als man denkt. In Ländern mit einem Einheitssteuersatz wie z.B. Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, Slowakei und Russland gibt es ohnehin keine kalte Progression. Wo der Steuersatz mit steigendem Einkommen nicht mitsteigt, kann der Effekt nicht eintreten.“

Kalte Progression: „Sie ist verfassungswidrig“ – „Nur derjenige mehr zahlen soll, der auch leistungsfähiger geworden ist“

Natürlich ließe sich die kalten Progression relativ einfach abschaffen: Genügend Länder haben es bereits vorgemacht. Aber dadurch würden die satten Mehreinnahmen des Staates durch die Inflation wegfallen, womit diese Unterfangen kaum stattfinden dürfte.