Mangel an Sorbischlehrern – „Wer kompetente Lehrer will, muss den Job attraktiv machen“

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Der Mangel an Sorbischlehrern wird in der Lausitz schon länger beklagt. Vielfach wird das Phänomen einfach an Desinteresse – sei es der Sprache oder des Lehrerberufs – abgetan. Aber die Ursachen lassen sich auf handfest ökonomische Gründe zurückführen.

„In der Lausitz fehlen Lehrer für die sorbische Sprache“

>>taz<<

„In der Lausitz fehlen Lehrer für die sorbische Sprache – dabei gibt es viele Anreize: keine Zulassungsbeschränkungen für das Studium, ein lukratives Stipendium und gute Jobperspektiven – „Ja rady serbski recu!“ „Ich spreche gern sorbisch“, kommt es den Viertklässlern locker von den Lippen.“

„Ja rady serbski recu!“ – „Ich spreche gern sorbisch“

Erst die Sorbische Sprache lernen und danach einfach selbst Lehrer werden? – Sicherlich mögen die Anreize verlockend sein: Aber die Tücke ist – wie so häufig – im Detail verborgen und daran kann auch ein Stipendium nicht viel ändern.

Warum es tatsächlich so wenige Sorbischlehrer gibt?

>> Landkreis Spree-Neiße/Wokrejs Sprjewja-Nysa<<

„Der Landkreis Spree-Neiße/Wokrejs Sprjewja-Nysa bietet Studierenden aus der Region die Möglichkeit eines Stipendiums, wenn ein Lehramtsstudium im Fach Sorbisch/Wendisch angestrebt oder bereits durchgeführt wird.“

Stipendium: „Wenn ein Lehramtsstudium im Fach Sorbisch/Wendisch angestrebt oder bereits durchgeführt“

Die Höhe des Stipendiums ist aber für ein Studium keineswegs ausreichend. Kurzum: Die allermeisten Studenten müssen sich heutzutage für ihre Studium verschulden und die Kredite später zurückzuzahlen. So rutschen viele Menschen in prekäre Lebensverhältnisse hinein. Zu allen Überfluss: Die Bewerbung auf ein Stipendium ist kein Selbstläufer, sondern die Interessenten müssen eine Reihe an Voraussetzungen erfüllen.

Heimatnah in der Lausitz studieren? – Falsch: Die Lehramtsstudium findet im fernen Leipzig statt

>> Landkreis Spree-Neiße/Wokrejs Sprjewja-Nysa<<

„Um sich für den Erhalt eines Stipendiums zu qualifizieren, sind durch die Bewerberinnen und Bewerber einige Voraussetzungen zu erfüllen. Neben dem Lehramtsstudium im Fach Sorbisch/Wendisch an der Universität Leipzig, ist der Vorbereitungsdienst – auch bekannt als Referendariat – an einer Schule im Kreisgebiet von Spree-Neiße zu absolvieren.“

„Lehramtsstudium im Fach Sorbisch/Wendisch an der Universität Leipzig“

Das Lehramtsstudium findet nicht in der Lausitz, sondern im fernen Leipzig statt. Die Studenten müssen also in einer Großstadt oder deren näheren Umgebung leben. Hinzu kommen die Materialien und sonstige Ausgaben, was so ein Studium mit sich bringt. Alleine die Lebenshaltungskosten sollten nicht unterschätzt werden. Deshalb sind viele Absolventen am Ende ihre Studiums hoch verschuldet und sollten sie den erhofften Abschluss nicht schaffen: Dann müssen sie mit einem echten Problem klar kommen.

„Fast jeder zweite deutsche Hochschulabsolvent startet mit Schulden ins Erwerbsleben“

>>Connecticum<<

„Fast jeder zweite deutsche Hochschulabsolvent startet mit Schulden ins Erwerbsleben. Dies ergab eine aktuelle Befragung von 350 Hochschulabsolventen bis 34 Jahre durch den Darmstädter Personaldienstleister univativ.“

Wissenschaftliches Prekariat: Studienkredit – Tilgun – Zinsen und dann schlecht bezahlte Lehrerstellen

Über die Jahre häufen sich stattliche Summen an und die fertigen Absolventen haben zu diesem Zeitpunkt ihre Jugend weitestgehend hinter sich gelassen. Der Einstig ins Berufsleben ist mit einer großen Darlehenssumme, Tilgung und Zinsen gepflastert. Zu allen Überfluss: Die Bezahlung eines Lehrers lässt in vielen Fällen zu wünschen übrig.

„Schlecht bezahlt an der Schultafel“

>>Zeit<<

„Schlecht bezahlt an der Schultafel – Wer kompetente Lehrer will, muss den Job attraktiv machen. … Die Autoren der Studie warnen davor, Gehälter der Lehrkräfte zu kürzen, „da Gehalt und Arbeitsbedingungen wichtige Faktoren sind, wenn es darum geht, kompetente und hoch qualifizierte Lehrer anzuwerben, weiterzubilden und zu halten“.

„Wer kompetente Lehrer will, muss den Job attraktiv machen“

Zwar gibt es auch Lehrer die sicherlich gut verdienen, aber in weiten Teilen kann Lehrerberuf zum wissenschaftliches Prekariat gerechnet werden. Nicht selten sind es schlecht bezahlte Berufe mit befristeten Verträgen. Zusätzlich hat sich viellerorts eine Tradition eingebürgert: Viele Lehrer müssen sich vor Ferienbeginn arbeitslos melden.

„Lehrer – Arbeitslos in den Sommerferien! – Wo der Staat geradezu asozial ist“

>>Rechtsanwalt Axel Pöppel<<

„Lehrer – Arbeitslos in den Sommerferien! – Wo der Staat geradezu asozial ist – Ein Paradoxon, das seinesgleichen sucht: Vielerorts macht den Schulen zum Start des neuen Schuljahres Lehrermangel zu schaffen – zugleich werden aber viele Lehrer während der Sommerferien entlassen – und nach Ende der Ferien oftmals wieder auf den alten Stellen besetzt. … Bei vielen sei es nicht vorhersehbar, ob sie auch im neuen Schuljahr eingesetzt würden. Zudem gibt es in den Ferien nun einmal keinen Vertretungsbedarf. Daher laufen die Verträge aus.“

„Viele Lehrer während der Sommerferien entlassen“

Alles nur bedauerliche Einzelfälle? – Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit sagt da etwas anderes aus. Tatsächlich hat es sich als Massenphänomen etabliert.

„Schuljahr vorbei, Job weg“ – „Oft Lehrkräfte nur einen Zeitvertrag bekommen“

>>Süddeutsche Zeitung<<

„Schuljahr vorbei, Job weg – Etwa 16 700 Lehrkräfte hatten sich im Juni bei den Arbeitsagenturen vorsorglich als arbeitssuchend gemeldet, weil sie fürchteten, im Sommer keinen Job mehr zu haben. Auch hier ist kein Rückgang zu verzeichnen, die Zahl ist ebenso hoch wie im Juni vorigen Jahres. … Auffällig ist auch, wie oft Lehrkräfte nur einen Zeitvertrag bekommen. … 79 Prozent einen Vertrag mit Ablaufdatum. Ein befristeter Vertrag ist die Voraussetzung, um Lehrer über die Ferien in die Arbeitslosigkeit schicken zu können.“

Befristete Verträge unter Lehrern: „79 Prozent einen Vertrag mit Ablaufdatum“

Die „motivierenden Aussichten“ eines Lehrerberufs gehen aber noch weiter: Da die meisten befristet Verträge sehr kurz ausfallen, kommen noch ganz andere Probleme oben drauf.

Hartz IV: Warum viele Lehrer am Ende des Schuljahrs zum Amt müssen

>>Rechtsanwalt Axel Pöppel<<

„Das Problem ist aber noch weitaus größer: Wer nämlich Arbeitslosengeld erhalten will, muss in einem Zeitraum von zwei Jahren mindestens ein Jahr angestellt gewesen sein und in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben. Wer diese Voraussetzung nicht erfüllt – und so geht es vielen jungen Aushilfslehrern – bekommt dann Hartz IV oder muss vom Ersparten leben.“

„Arbeitslosengeld“ – „Wer diese Voraussetzung nicht erfüllt bekommt dann Hartz IV“

Viele Lehrer müssen als wissenschaftliches Prekariat zwischen befristet Verträgen, vielleicht noch irgendwelchen Aushilfstätigkeiten und Hartz IV bestreiten. Die geringe Motivation ein Sorbischlehrer zu werden, die ist also durchaus nachvollziehbar.

 

Originally posted 2021-12-20 19:09:06.