Wölfe – Weidetierhalter – Artensterben: Ein Kommentar von Dr. habil. Hans-Holger Liste

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Das Artensterben von Vögeln soll nichts mit dem Wolf zu tun haben. Als Erwiderung zum ArtikelWeidetierhalter in Sorge – Wie der Wolf zum Aussterben von Vogelarten beiträgt“ hat Dr. habil. Hans-Holger Liste einem Kommentar verfasst.

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Von Dr. habil. Hans-Holger Liste

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Sehr geehrte Damen und Herren,

das Artensterben, so auch der Vögel in Deutschland, Europa und weltweit, hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Wolf zu tun. Ganz im Gegenteil. Der Wolf selber ist Opfer und kein Täter und trägt zum Erhalt und nicht zur Verringerung der Biodiversität bei.

Die aktuelle Katastrophe des globalen Artensterbens wird NUR und ausschließlich durch den Menschen verursacht. Ob Klimawandel, Meeresversauerung, Wüstenbildung, Lebensraumvernichtung, Bodenzerstörung, Waldvernichtung, Umweltvergiftung oder eben Artensterben: Wie der Mensch durch Gier und Überpopulation die Natur dieses Planeten und damit letztlich auch seine eigenen Lebensgrundlagen zum Negativen verändert und vernichtet, ist bestens bekannt und das sollte auch ihnen nicht neu sein.

Die Geschwindigkeit des weltweiten Artensterbens hat bereits das TAUSENDFACHE gegenüber Zeiten vor dem Menschen erreicht und beschleunigt sich weiter (Edward O. Wilson, Evolutionsbiologe). Wir Menschen und nicht Wolf oder Luchs und andere Prädatoren sind gerade dabei, das sechste Massenaussterben auszulösen und dazu herrscht wissenschaftlicher Konsens.

Der Wolf ist für unser Überleben von sogar existentieller Bedeutung. Im aktuellen Moratorium „Warnung an die Menschheit“ zum Erhalt unserer Erde als Grundlage unserer Existenz fordern renommierte Wissenschaftler aus aller Welt u.a. den Erhalt und die Schaffung von Lebensräumen für Spitzenprädatoren wie Wölfe. Dies vor allem auch daher, um vom Menschen gestörte ökologische Prozesse und Dynamiken wiederherzustellen.

Die enorme Bedeutung der großen Beutegreifer für die Natur – unsere Lebensgrundlage – ist unter Fachleuten unumstritten. Aus diesem Grund sind Wölfe strengstens geschützt und das muss so bleiben. Noch kurz zu den Weidetierhaltern. Diese geben nicht wegen dem Wolf auf, sondern sie geben auf, weil sie von ihren „Nutztieren“ schon lange nicht mehr leben können. Billige Importe und Schleuderpreise für pflanzliche und tierische Lebensmittel gerade in diesem Lande erlauben es kaum noch einem Landwirt, von Landwirtschaft zu leben. Das ist die Schuld von Politik und Industrieinteressenverbänden wie dem Bauernverband und nicht die Schuld des Wolfes.

Wer also wie sie behauptet, der Wolf sei schuld daran, dass immer mehr Weidetierhalter aufgeben, ist nicht im Bilde und könnte ebenso behaupten, die Natur sei unser Feind. Ist sie natürlich nicht, den wir kommen aus der Natur, wir sind ein Teil von ihr und wir brauchen sie genauso wie der Wolf sie braucht und wie die Natur den Wolf braucht. Ralf Behring, Bioland-Bauer mit Schafhaltung nordöstlich von Berlin verdiente zum Beispiel in den vergangenen beiden Jahren das meiste Geld mit seinem Ferienhof. Der Anbau von Roggen folgte erst auf Platz 2, gefolgt von Photovoltaik. Schafhaltung trägt kaum bis gar nicht zu seinem Verdienst bei.

Wenn ein Bio-Landwirt nicht mehr von Landwirtschaft leben kann, stimmt das System nicht. Für dieses System kann aber der Wolf nichts! Knut Kucznik, Vorsitzender des Schafzuchtverbandes Berlin-Brandenburg, antwortete in einem DLF-Interview auf folgende Frage wie folgt: „Wenn nicht der Wolf das größte Problem des Schäfers ist, was bedroht denn den Beruf des Schäfers dann? Kucznik: Uns bedroht ganz klar, dass die agrarökologischen Dienstleistungen … nicht angemessen entgolten werden.“

In einem früheren Interview mit dem Deutschlandfunk äußerte sich Herr Kucznik zum Thema Schafsrisse durch Wölfe wie folgt: „Ich plädiere dafür, vorher die Schafe vernünftig zu schützen, so dass es (Riss) erst gar nicht passiert.“ Und Herdenschutz wird zu 100% von den Ländern bezahlt. „Grundsätzlich stellen Wölfe nur eine geringe Bedrohung für Viehbestände dar. Lediglich ein verschwindend geringer Prozentsatz toten Viehs ist … auf Wölfe zurückzuführen. Schätzungen zufolge sind sie für 0,1 bis 0,6 Prozent der Todesfälle unter Nutztieren verantwortlich. Andere Raubtiere und Krankheiten, Unfälle oder schlichtweg die Risiken einer Geburt sind die weit häufigeren Todesursachen.“

Dies sind nur einige wenige Zeilen als Antwort auf ihren schlecht recherchierten, unsachlichen und tendenziösen sowie populistischen Beitrag. Als Journalisten sollten sie wirklich investigativ arbeiten und helfen, die wahren Schuldigen am katastrophalen Zustand dieser Welt zu identifizieren und anzuprangern. Der Wolf jedenfalls ist nicht der Schuldige, sondern er dient den Mächtigen dieses Landes nur allzu gerne als Ablenkung vom eigenen Versagen und dem frustrierten und feigen Mob als Sündenbock.

 

Mit freundlichen Grüßen

Hans-H. Liste

 

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