„Sorben: „Warum werden wir in der Berichterstattung immer wieder als Trachten tragendes, Eier malendes Volk dargestellt?“

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Die Unterdrückung der Sorbischen Kultur wird in der Gegenwart gerne auf die NS-Zeit zwischen 1933-1945 reduziert. Aber alleine die sogenannte „Wendenabteilung“ wurde viele Jahre zuvor gegründet. Sicherlich haben die Repressionsmaßnahmen unter der NS-Diktatur eine neue Qualität erreicht, dennoch wurden die Grundlagen hierfür bereits viel früher gelegt. Zudem ist der Blick auf aktuelle kulturelle Probleme der Sorbischen Kultur dadurch weitestgehend aus dem Blickfeld geraten.

„Wendenabteilung“ – „Zur Überwachung der Sorben“

>>Stadt Bautzen<<

„1920 – Zur Überwachung der Sorben wird bei der Amtshauptmannschaft Bautzen die „Wendenabteilung“ gegründet, die bis 1945 besteht. Ihr Ziel ist u. a. die „Aufdeckung jeder wendischen Nationalbewegung als reichsfeindlich“ und die „Förderung des Aufgehens der Wenden im Deutschtum“.

„Wendenabteilung“ – „Förderung des Aufgehens der Wenden im Deutschtum“ 

Selbst nach 1945 hat sich die Lage der Sorben nur unmerklich gebessert: Lediglich bei der Rolle der Sorben fand eine Veränderung statt. Nun wurden sie als Folklorevolk öffentlich regelrecht vorgeführt.

„Von den Sorben wurde in der DDR ein merkwürdiges Folklore-Bild produziert“

>>Leipziger Volkszeitung<<

„Galten die Sorben nicht offiziell als die Hätschelkinder der DDR?

Benedikt Dyrlich: Nur nach außen. Von den Sorben wurde in der DDR ein merkwürdiges Folklore-Bild produziert, das auch heute wieder Konjunktur hat. Wir Sorben wurden und werden vorgezeigt, wenn’s ums Bemalen von Ostereiern oder das Osterreiten geht. Immer wenn Ostern ist, werden wir als Folklorevolk präsentiert. Dass wir ein Kulturvolk sind mit einer Hochsprache seit der Reformation, das spielt kaum eine Rolle in der Öffentlichkeit.“

„Wenn’s ums Bemalen von Ostereiern oder das Osterreiten geht“ – „Werden wir als Folklorevolk präsentiert“

Dieses merkwürdiges Folklore-Bild ist in der Tat bis heute erhalten geblieben. Eine wissenschaftliche Arbeit hat sich dieser Frage genauer gewidmet und die Mehrheit der Gesprächspartner konnten diese Sichtweise – in der Gegenwart – durchaus bestätigen.

„Warum werden wir in der Berichterstattung immer wieder als Trachten tragendes, Eier malendes Volk dargestellt?“

>>Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (PDF-Datei) <<

„Häufig schloss sich hier die Frage an, wie viele Sorben es überhaupt noch gäbe und ob sich eine sorbische Kultur nicht auf die Ausübung von Folklore beschränke. „Das sieht man doch im Fernsehen“, wurde dabei oft begründet. … Die Gesprächspartner merkten oft an, dass Berichterstattungen häufig mit einer Reduzierung ihrer Kultur auf wenige, auffällige Elemente einherginge, dass sie sich nicht hinreichend präsentiert sähen und eine kultur- wissenschaftlich vorgehende Untersuchung von Fernsehsendungen zum Sorbischen aus diesem Grund längst überfällig sei. „Warum werden wir in der Berichterstattung immer wieder als Trachten tragendes, Eier malendes Volk dargestellt?“, wurde dabei oft von sorbischer Seite gefragt.“

„Berichterstattungen häufig mit einer Reduzierung ihrer Kultur auf wenige, auffällige Elemente einherginge“

Diese sehr berechtigte Frage könnte die Domowina wohl am Besten beantworten: Schließlich hat sie Sitze im Rundfunkrat ergattert und ist maßgeblich für die Programmgestaltung mitverantwortlich, wovon die selbst mit voller Stolz berichtet.

Domowina: „Besetzung von Gremien des Mitteldeutschen Rundfunks“

>>Domowina<<

„In dem Vertragswerk wird insbesondere die Besetzung von Gremien des Mitteldeutschen Rundfunks wie dem Rundfunkrat reformiert. Dazu erklärt … Vorsitzender des sorbischen Dachverbandes Domowina: „Rundfunkräte sollen gesellschaftliche Vielfalt wiederspiegeln und in diesem Sinne am Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mitwirken. Das sorbische Volk wird nach dem Willen der Ministerpräsidenten der drei MDR-Länder Sitz und Stimme im Rundfunkrat haben – das ist ein glücklicher Moment für uns und die Krönung der vieljährigen Bemühungen von Domowina und Sorbenrat. Im rbb-Rundfunkrat sind wir als Dachverband bereits vertreten.“

Domowina: „Sitz und Stimme im Rundfunkrat haben“

Bisher ist die Domowina an Kritik an der Berichterstattung des Öffentlichen-Rundfunks nicht sonderlich aufgefallen. Eher im Gegenteil: Die teils sehr internen Anliegen der Domowina nehmen viel medialen Raum ein. Zwar sieht es rein formal – laut Staatsvertrag – anders aus, aber eigentlich kann die Domowina nicht für alle Sorben, sondern nur für deren Vereinsmitglieder sprechen. Doch die rund 7.000 Domowina-Mitglieder stellen selbst nur eine Minderheit innerhalb der Sorbischen Minderheit von ca. 60.000 Sorben dar. Eigentlich läuft diese Regelung gegen das Demokratieprinzip des Grundgesetzes zuwider, da die formalen „Vertreter der Sorben“ sich keiner echten demokratischen Wahl stellen müssen, sondern lediglich per Vereinssatzung in Ämter kommen.

Kann die Domowina wirklich für alle Sorben sprechen?

Da die Domowina sich kaum auf die Mehrheit der Sorben stützen kann, lehnt sie sich um so stärker an die Regierungen in Bund und Länder an. Daher dürfte die Unzufriedenheit der Sorbischen Bevölkerung über die Berichterstattung im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk herrühren. Außerdem wirkt sich die Außendarstellung über die Sorben unmittelbar negativ auf die Sorbische Kultur aus.

Öffentlicher Rundfunk: „wie über eine nationale Minderheit Deutschlands gesprochen und nachgedacht wird“

>>Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (PDF-Datei) <<

„Als gesetzlich legitimierte Anbieter von Informationen müssen öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten gemäß ihrer Programmgrundsätze und -aufträge eine sogenannte `Grundversorgung ́ mit gesellschaftlich relevanten Informationen für die Öffentlichkeit bereitstellen. Fernsehsendungen öffentlich-rechtlicher Prägung bieten damit Wissensbestände an, denen eine gesellschaftliche Relevanz zugewiesen wird, indem sie von medialen Kommunikatoren aufgegriffen und durch die Übermittlung von bedeutungstragenden Zeichen beschrieben werden. … Diese Forschungsarbeit wird sich in der Folge deshalb mit öffentlich-rechtlichen Fernsehsendungen zum Sorbischen beschäftigen, weil sie darüber Aufschluss geben können, wie über eine nationale Minderheit Deutschlands gesprochen und nachgedacht wird.“

Jurij Brězan: „Zweifeln ist der Anfang vom Denken, und denken ist der Anfang vom Menschen“ 

Als Außendarstellung der Sorben kommt bei der breiten Bevölkerung nur ein merkwürdiges Folklore-Bild an, was sich wiederum negativ auf das Selbstbild der Sorben ausrikt. Berühmte Schriftsteller wie Jurij Brězan kommen in dieser medialen Welt praktisch kaum vor, weil sie in dieses merkwürdiges Folklore-Bild nicht so recht hinein fügen wollen. Dazu passt ein Zitat von Jurij Brězan recht gut dazu: „Zweifeln ist der Anfang vom Denken, und denken ist der Anfang vom Menschen.