Daten über Wohlstand: Eine Lese der anderen Art

Screenshot winespectator.com

Die hohe Politik tut sich gerne mit blumigen Aussagen hervor und betont dabei sehr eindringlich: Wie gut es den Menschen doch ginge. Unglücklicherweise halten derartige Sonntagsreden einen Abgleich mit der rauen Wirklichkeit nur in den aller seltensten Fällen stand.

>>CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag – Angela Merkel<<

“Es wird weitere Handelsabkommen geben, und die werden dann nicht die Standards haben wie dieses Abkommen und auch das angedachte TTIP-Abkommen. Meine Damen und Herren, das hat etwas zu tun mit Arbeitsplätzen in der Globalisierung, mit fairen Wettbewerbsbedingungen und mit menschlicher Gestaltung der Globalisierung. Wir sind in Deutschland im Augenblick in einer relativ guten Lage; das ist vielfach gesagt worden. Allein in den letzten fünf Jahren sind 2,7 Millionen Arbeitsplätze entstanden. Interessant ist, sich einmal anzuschauen: Wer hat mehr Beschäftigung gefunden? Das sind zu etwa einem Drittel Frauen, die stärker ins Erwerbsleben gehen, das sind zu einem weiteren Drittel Menschen, die länger arbeiten können – die Lebensarbeitszeit verlängert sich; das ist richtig und von uns gewünscht –, und zu einem dritten Drittel sind es Menschen aus der Europäischen Union, die in Deutschland Arbeit suchen, weil sie zu Hause keine finden. Auch das ist in einem Binnenmarkt eine positive Wirkung und im Übrigen ein Beitrag Deutschlands zur Lösung mancher Probleme in der Europäischen Union. Der Bund nimmt seit 2014 keine neuen Schulden mehr auf, die Reallöhne und die Renten steigen. Aber bei allem, was es noch zu kritisieren gibt – und ich weiß, dass viele Menschen Not haben, und ich halte die Zahl der Menschen, die von Arbeitslosengeld II, von Hartz IV abhängig sind, auch für viel zu hoch; daran müssen wir arbeiten –, dürfen wir sagen: Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut wie im Augenblick. Auch das muss einmal festgehalten werden.”

Eigentlich wurden keine neuen Arbeitsplätze geschaffen, sondern lediglich die geleisteten Arbeitsstunden auf eine höhere Anzahl von Beschäftigten umverteilt.

>>Zeit<<

“Bei der Vorstellung des Reports, einer Sammlung von Studien verschiedener Forschungsstellen, erklärte Roderich Egeler, der Präsident des Statistischen Bundesamts: “Das sogenannte deutsche ‘Jobwunder’ relativiert sich jedoch, wenn man nicht nur die Personen betrachtet, sondern die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden und damit das Arbeitsvolumen.” Zwar seien heute mehr Menschen erwerbstätig als je zuvor. Insgesamt aber arbeiteten die Deutschen weniger als noch im Jahr 1991. Unterm Strich werde heute nicht mehr gearbeitet, sondern weniger.”

Das sinken des Arbeitsvolumens und damit einhergehende Umverteilung auf mehrere – die alle in Summe weniger arbeiten – Beschäftigte: Führt zu einer flächendeckenden Verarmung breiter Schichten der Bevölkerung. Ungeachtet dessen: Hat der Abbau des Sozialsystems sicherlich auch einen erheblichen Anteil daran mit geleistet.

>>Frankfurter Allgemeine Zeitung<<

“Leiharbeit in Deutschland ist auf einem Höchststand. Fast eine Million Leiharbeiter gab es 2015 in Deutschland. Der Anteil der befristeten Stellen ist deutlich gestiegen; 45 Prozent der neu eingestellten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten haben 2016 nur eine befristete Stelle erhalten. Jeder Sechste lebt in relativer Armut. 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche sind von Armut gefährdet. Hartz-IV-Empfänger sind heute länger arbeitslos als noch vor ein paar Jahren. Fast zehn Prozent der Berufstätigen in Deutschland sind trotz regelmäßiger Arbeit als arm einzustufen. Eine Langzeitbetrachtung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass zwischen den Jahren 2000 und 2012 die Einkommen der obersten zehn Prozent um mehr als 15 Prozent gestiegen sind, wohingegen bei den unteren vierzig Prozent ein Einkommensrückgang zu beklagen ist. Die Branchentarifdeckung lag im Jahr 2000 im Westen bei 63 Prozent und im Osten bei 47 Prozent. Bis 2015 sanken diese Quoten im Westen auf 51 und im Osten auf 37 Prozent. Ungefähr einer von fünf Beschäftigten arbeitete 2014 für Löhne von unter zehn Euro brutto pro Stunde. … In Deutschland entspricht der momentane Mindestlohn (8,84 Euro) nur 43 Prozent des Durchschnittslohns eines Vollzeitbeschäftigten. Laut einer Antwort der Bundesagentur für Arbeit auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken hatten im März 2017 3,2 Millionen Menschen mehr als einen Job. Das bedeutet einen Anstieg um eine Million innerhalb von zehn Jahren – seit es Hartz IV gibt. Mittlerweile liegt die Gesamtzahl der geringfügig Beschäftigten bei rund 7,5 Millionen Menschen. „Rund 40 Prozent der Haushalte in Deutschlands Großstädten müssen mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens ausgeben, um ihre Miete (brutto kalt) zu bezahlen. Das entspricht rund 5,6 Millionen Haushalten, in denen etwa 8,6 Millionen Menschen leben“, stellte die Hans-Böckler-Stiftung zuletzt fest. Die Gegensätze werden auch dadurch illustriert, dass die Vorstände der 30 Dax-Unternehmen 57-mal so viel verdienen wie ihre Mitarbeiter. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander. Das DIW hat ermittelt, dass 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung über kein oder sogar negatives Vermögen verfügen. Laut OECD halten die unteren 60 Prozent der Bevölkerung nur sechs Prozent des gesamten Nettohaushaltsvermögens. Das führt dazu, dass Deutschland einen besonders schlechten Gini-Koeffizienten hat. Dieses Maß für Vermögensungleichheit beträgt in Deutschland 0,76. Je näher der Wert an 1 liegt, desto ungleicher ist ein Land. Bei den Einkommen sieht es ähnlich aus. Hier schneidet Deutschland mit einem Gini-Koeffizienten von 0,30 zwar besser ab, liegt damit aber nur im EU-Durchschnitt. Der Gini-Koeffizient ist zudem seit dem Jahr 1991 deutlich gestiegen. Das Bild von der deutschen Insel der Glückseligen hat also Risse. Die Zahlen lügen nicht.”

Die Rede der Bundeskanzlerin mutet angesichts der realen wirtschaftlichen und sozialen Lage doch recht zynisch an. Die gepriesenen Verheißungen der sogenannten “Globalisierung” führten letztendlich zu genau jenen Verwerfungen: Die es ermöglichen das Konzerne kaum Steuern zahlen und zugleich von Subventionen erheblich profitieren.

 

 

Share on StumbleUponFlattr the authorBuffer this pageShare on LinkedInShare on TumblrPrint this pageEmail this to someonePin on PinterestShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on VK

Andere interessante Beiträge

Werbung

table-layout
Bild: getdigital.de
Bild: getdigital.de
Bild: getdigital.de
Loading...
Scroll Up