Warum die temporäre Lieferkettenkrise in eine dauerhafte Versorgungskrise übergeht

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Aus einer temporären Lieferkettenkrise ist eine ausgewachsene Versorgungskrise als Dauerzustand geworden. Nicht nur die Preise sind regelrecht sprunghaft in die Höhe gestiegen, sondern immer öfter sind Produkte entweder überhaupt nicht mehr oder mit grotesken Lieferzeiten zu bekommen. Aber wie konnte es soweit kommen und ist ein Ende überhaupt absehbar? Können heutzutage einfache Erklärungsmuster noch greifen?

„Die Wahrheit über die Versorgungskrise“

>>Wirtschaftswoche<<

„Die Wahrheit über die Versorgungskrise – Am Anfang jeder Lieferkette steht der Wunsch eines Kunden: „Ich möchte gern ein Fahrrad kaufen.“ Zum Beispiel. Und schon beginnen die Probleme für Rose Bikes aus Bocholt: Der Kunde bestellt ein Fahrrad, der Hersteller bestellt bei Zulieferern Sattel, Schaltung, Rahmen – und die Zulieferer ihrerseits bestellen Grundstoffe und Einzelteile. Das alles dauert.“

Die Lieferkettenkrise geht in eine dauerhafte Versorgungskrise über

Die Analyse mag zwar der Richtigkeit entsprechen, aber diese allegemeinen Grundvoraussetzungen waren noch niemals anders gewesen. Außerdem dürfte die Versorgungskrise so unerwartet nicht gekommen sein: Immerhin wurde bereits im Jahre 2016 ein passendes Gesetz dafür verabschiedet.

„Im Notfall sollen Bauernhöfe beschlagnahmt werden“

>>Welt<<

„Im Notfall sollen Bauernhöfe beschlagnahmt werden – Für den Fall einer Versorgungkrise sollen Behörden Bauernhöfe und Lebensmittelbetriebe beschlagnahmen können. In Betracht kommen Krieg, Stromausfall, Pandemie oder ein Terroranschlag mit Freisetzung radioaktiver Strahlung.“

„Fall einer Versorgungkrise sollen Behörden Bauernhöfe und Lebensmittelbetriebe beschlagnahmen“

Die vielen Jahrzehnte zuvor schien ein solches Gesetz niemand wirklich vermisst zu haben. Allerdings war dieses Versorgungskrise auch gewissermaßen vorhersehbar. Dazu sind keine prophetischen Fähigkeiten, sondern lediglich ein kleines Auszug aus der Geschichte nötig. Schon die DDR hatte mit einer zum großen Teilen selbst verschuldeten Versorgungskrise zu kämpfen.

DDR: „1959 zu einer massiven Versorgungskrise“

>>Der große Plan – Alltag und Herrschaft in der DDR 1949-1961 von Stefan Wolle (Buch) <<

„Die Aufhebung der Lebensmittelkarten führte … 1959 zu einer massiven Versorgungskrise. Die SED-Führung trat nach einigem Zögern schließlich die Flucht nach vorn an. .. Im Dezember 1959 gab das 7. Plenum des Zentralkomitees der SED den Startschuss für die Zwangskollektivierung. Es begann eine Art Wettlauf der Kreise und Bezirke, wer zuerst die Vollgenossenschaftlichkeit durchsetzen würde. Agitationstrupps wurden auf die Dörfer geschickt, die von Hof zu Hof fuhren, die Wohnhäuser aus Lautsprecherwagen dauerbeschallten, in Wohnungen eindrangen, sogar körperliche Gewalt anwandten, um die Bauern zum »freiwilligen« Eintritt in die LPG zu bewegen. Es fehlte nicht an Drohungen und Einschüchterungen. Widerspruch konnte leicht als konterrevolutionäre Tätigkeit ausgelegt werden. Und das war in der DDR ein kreuzgefährlicher Vorwurf, der jeden für Jahre ins Zuchthaus bringen konnte. Parallel tönten die Siegesfanfaren aus allen Radio- und Fernsehlautsprechern.“

„Zwangskollektivierung“ – „Es fehlte nicht an Drohungen und Einschüchterungen“

Aber die Zwangskollektivierung hat mitnichten die Versorgungskrise in der DDR beendet. Selbst in der nüchternen Nachtbetrachtung lässt sich die DDR-Versorgungskrise keineswegs an einzelnen Ursachen festmachen. Letztendlich geht es auf eine Mischung aus wirtschaftlichen Fehlentscheidungen und unüberwindbaren ideologischen Gräben zurück. Durch die Repressionsmaßnahmen wurde nicht nur sachliche Kritik erstickt, sondern sie hat zu Resignation der eigenen Bevölkerung und – sofern möglich – Flucht aus dem eigenen Land beigetragen. Diese hat am Ende zum Bau der Mauer geführt und ungefähr zeitgleich wurde – die heute fast vergessene – Behörde Kommerzielle Koordinierungkurz KoKo – gegründet. Diese sollte vorwiegend Waren und harte Devisen aus dem Ausland beschaffen: Ein Thema, was an Wichtigkeit in der Gegenwart immer weiter zunimmt.

Einfuhrpreise: „Preise aller Waren, die zwischen dem Ausland und Deutschland gehandelt werden“

>>Deutsche Bundesbank<<

„Die Einfuhrpreise messen die durchschnittliche Entwicklung der Preise aller Waren, die zwischen dem Ausland und Deutschland gehandelt werden. Entsprechend ihrer Bedeutung für die Einfuhren werden die Preise beispielsweise für Erdöl, Mineralölerzeugnisse, sonstige Rohstoffe und Getreide sowie Kraftwagen und Kraftwagenteile, Maschinen und chemische Erzeugnisse zusammengewogen.“

„Einfuhrpreise messen die durchschnittliche Entwicklung der Preise aller Waren“

Die hohe Inflation des Euros wirkt sich logischerweise auch auf dem Abschluss – besonders – langfristiger Lieferverträge aus. Güter auf einen Schiff können selbst bei regulären Fahrten mehrere Monate unterwegs sein, doch die Unsicherheiten im Euroraum sind aus kaufmännischer Sichtweise für diese Zeitspanne kaum noch berechenbar. Zumal neben der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank noch eine ausgewachsene Pleitewelle oben drauf kommt.

„Privatinsolvenzen steigen sprunghaft an“

>>Versicherungsbote<<

„Privatinsolvenzen steigen sprunghaft an – Die Privatinsolvenzen in Deutschland sind … um fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf einen Rekordwert gestiegen. … Viele Menschen sahen sich plötzlich mit Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit konfrontiert, Selbstständigen brachen Aufträge weg. … Auch der Anteil der ehemals Selbstständigen, die eine Privatinsolvenz anmelden müssen, steige derzeit stark an.“

„Viele Menschen sahen sich plötzlich mit Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit konfrontiert“

Selbst Menschen die keine Privatinsolvenzen anmelden müssen: Die haben die finanziell dünne Luft zum Atmen mitbekommen. Zu allen Überfluss: Die wirtschaftliche Strahlkraft des Euros ist Schwinden begriffen, womit sich die Versorgungskrise noch weiter verschärfen wird.