Die verdeckten Formen des Sklavenhandels

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Sklavenhandel in der Neuzeit? Das dürfte für die allermeisten in weiter Ferne liegen. Tatsächlich finden auch heutzutage – staatlich organisierte – Sklavenmärkte statt: Diese laufen aber unter anderen Namen. Denn amtliche Stellen wollen sich keine Blöße geben. Deswegen erhalten jene Veranstaltungen wohlklingende Namen, und was hinter den Kulissen stattfindet, sollte besser im Kreis der Eingeweihten bleiben.

>>Weltgeschichte der Sklaverei von Egon Flaig (Buch) <<

„Die bloße Möglichkeit, eine besondere Menschengruppe physisch zu mißhandeln, macht aus ihnen ‹Andere›. Hier stellt sich die Frage nach ‹Schonräumen›. Manche Kulturen begrenzen das legitime Maß von willkürlicher Machtausübung mit Schutzgesetzen, z. B. religiös gebotene Arbeitsruhe oder Tötungsverbote. Wo überhaupt keine Schutzbestimmungen den Sklaven ‹Schonräume› verschaffen, dort ist das System am flexibelsten; denn der Zugriff ist dann rein rechtlich total. Faktisch ist er niemals total, weil es keine totale Herrschaft geben kann. Finley hielt solche Schutzbestimmungen für irrelevant. Das entspricht einer ‹objektistischen› sozialgeschichtlichen Perspektive: wenn die Schutzbestimmungen das fundamentale Verhältnis nicht antasten, dann sind sie kosmetische Elemente an einem unmenschlichen System. Indes, die Kulturanthropologie betrachtet das Problem auch unter dem Aspekt, wie die Akteure ihre Situation erfuhren. … Für die Erfahrung des Sklaven und für die Erfahrung des Herrn ist nicht nur der Alltag konstitutiv, sondern der mögliche Grenzfall an Brutalität. Beide Seiten wissen, daß er eintreten kann und was er bedeutet. Sie versuchen daher, ihm auszuweichen, denn beide verlieren dabei: der Herr verliert für viele Wochen – oder für immer – die Arbeitskraft eines Sklaven, für den er teuer bezahlt hat; und der Sklave verliert die körperliche Integrität oder gar das Leben. Jedenfalls bekunden Schutzgesetze den Willen des politischen Systems, das kollektive politische Interesse gegen das individuelle Interesse des Sklavenhalters durchzusetzen: während dieser daran interessiert ist, im Ernstfall über eine unbegrenzte Abschreckung zu verfügen, liegt jenem daran, die individuelle Willkür einzudämmen, um das Funktionieren der Institution Sklaverei reibungsfrei zu halten. Die soziale Effizienz von Strafsystemen und Schutzgesetzen hängt demgemäß nicht zuletzt davon ab, in welchem Grade die Öffentlichkeit präsent ist, wenn Strafen beschlossen und dann vollzogen werden. … Die Stadt Sinope wurde zwar ein Sklavenmarkt, jedoch stammten die Sklaven aus dem Kaukasus. Umgekehrt nahmen die Sklaven aus Vorderasien zu; Tyros wurde zum Ausfuhrhafen für palästinensische und syrische Sklaven. Der Westrand des Schwarzen Meeres blieb eine Lieferregion für den Sklavenmarkt von Byzanz; das neue hellenistische Königtum auf der Krim und am Asowschen Meer exportierte Sklaven aus der südrussischeurasischen Steppe; denn die ständig kriegführenden Reiternomaden verkauften ihre überschüssigen Gefangenen auf dem Markt der Stadt Tanais an der Mündung des Don. Zwar dürfte der Sklavenmarkt auf Rhodos der bedeutendste gewesen sein, aber nicht deswegen, weil in nächster Nähe eine Lieferzone lag – die Westküste Kleinasiens war politisch stabil geworden –, sondern weil sich hier die Drehscheibe befand, auf welcher Handelsrouten zusammenliefen.“

Die Sklaverei definiert sich im wesentlichen darin, über andere Menschen Macht auszuüben: Jedoch Formen der Machtausübung, sind auch heute noch präsent. Selbst moderne – amtlich genehmigte – Sklavenmärkte sind selbst im 21. Jahrhundert noch anzutreffen: Natürlich tragen diese andere Namen, erfüllen dennoch alle notwendigen Kriterien.

>>Rechtsanwalt Dipl.-Jur. Thorsten Blaufelder Kanzlei Blaufelder<<

„Im konkreten Fall wurde ein Hartz-IV-Bezieher vom Jobcenter per Bescheid dazu verpflichtet, eine von der Arbeitsagentur veranstaltete Berufsmesse zu besuchen … Der Arbeitsuchende sollte sich dort an einem Stand der Arbeitsagentur melden und mindestens fünf Bewerbungsmappen mitbringen. Auch seine Arbeitsvermittlerin war persönlich anwesend. … Als der Arbeitsuchende nicht auf der Berufsmesse erschien, kürzte das Jobcenter dem Mann das Arbeitslosengeld II für drei Monate um jeweils zehn Prozent wegen eines Meldeversäumnisses. Dies hielt der Hartz-IV-Bezieher für rechtswidrig. Die Behörde dürfe nicht außerhalb seiner Diensträume Arbeitsuchende zur Meldung verpflichten. Dem widersprach jedoch das LSG. Nach den gesetzlichen Bestimmungen habe sich der Arbeitslose zwar bei der Agentur für Arbeit oder einer sonstigen Dienststelle der Bundesagentur persönlich zu melden. Meldezwecke seien danach beispielsweise die Berufsberatung, die Vorbereitung aktiver Arbeitsförderungsleistungen oder auch die Prüfung eines Leistungsanspruchs. Hierfür müsse nach dem Sinn des Gesetzes die persönliche Kontaktaufnahme mit der Arbeitsagentur am Meldeort erfolgen. Dies könne auch am Stand der Arbeitsagentur auf eine Berufsmesse sein. Eine Beschränkung der Meldeorte auf die Diensträume der Arbeitsagentur sei nicht erforderlich.“

Manchmal laufen vergleichbare Veranstaltungen unter einen anderen Namen, wie beispielsweise „Job-Speed-Dating“ ab. Hintergrund: Für die Eingliederungen von Langzeitarbeitslosen werden – schon seit vielen Jahren – spezielle staatliche Zuschüsse gezahlt. Das ganze System bestehend aus Arbeitslosen, windigen Zeitarbeitsfirmen und staatliche Subventionen hat mittlerweile ein Eigenleben entwickelt. Nicht wenige Firmen, haben sich darauf spezialisiert: Arbeitslose einzustellen, die Fördergelder abzugreifen und die Leute nach ein paar Monaten wieder zu entlassen. Nach Ablauf der Förderphase kommen neue „schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose“ – für die häufig nicht mal der Mindestlohn gezahlt wird. Diese Form von prekärer Beschäftigung, übt natürlich Druck auf die übrigen „Normalbeschäftigen“ aus und die gezahlten Stundensätze: Die sind Ruinös, für seriös arbeitende Unternehmen. Juristisch darf es sicherlich nicht Sklaverei und Sklavenhandel genannt werden, aber in der Praxis macht es für die Betroffenen kaum einen Unterschied.

 

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