Armut durch Arbeit ist längst Allgegenwärtig

Screenshot torial.com

Hartz-IV-Empfänger nur zu faul zum Arbeiten. Jeder der Arbeiten will findet auch Arbeit. Solche pauschalen Urteile werden landauf und landab gerne bedient. Eine etwas tiefere Analyse zeigt aber das genaue Gegenteil. Steigende Lebenshaltungskosten und niedrige Löhne zwingen viele dazu: Einen Antrag auf Hartz IV zu stellenim Behördensprech Aufstocker genannt.

Steigende Lebenshaltungskosten und niedrige Löhne

Armut durch Arbeit ist längst Allgegenwärtig geworden. Menschen die im Müll nach Flaschen und Verwertbaren suchen gehören mittlerweile zum gewohnten Straßenbild. Eine kritische Bestandsaufnahme von dieser Fehlentwicklung wird indes nur selten gezogen: Denn die würde missliebige Ergebnisse liefern.

Menschen suchen im Müll nach Flaschen und Verwertbaren

>>Spiegel<<

„Mehr als eine Million Menschen haben in Deutschland einen Anspruch auf Grundsicherung im Alter – doch nach SPIEGEL-Informationen beziehen nur 566.000 dieser Bedürftigen tatsächlich entsprechende Leistungen.“

„Mehr als eine Million Menschen haben in Deutschland einen Anspruch auf Grundsicherung im Alter“

>>Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (PDF-Datei – Genderfreie Sprache) <<

„Die meisten Sozialleistungen werden nicht automatisch ausbezahlt, sondern müssen beantragt werden. Dadurch kann zwar die Bedürftigkeit der Antragsstellern geprüft werden, das bedeutet aber auch, dass nicht alle Bedürftigen die Leistungen bekommen – weil viele sie nicht beantra­gen. In Deutschland beantragt ein großer Prozentsatz der Anspruchsberechtigten keine Sozialleistungen: bei Hartz IV wird die Quote der Nichtinanspruchnahme (non take-up rate) auf 43 bis 56 Prozent geschätzt und bei Grundsiche­rung im Alter sogar auf ungefähr 60 Prozent.“

„Quote der Nichtinanspruchnahme auf 43 bis 56 Prozent geschätzt“

Die Grundsicherung im Alter ist rein praktisch Betrachtet: Nur eine Hartz-IV-Rente. Vom rechtlichen Gesichtspunkten her basiert beides auf dem Soziokulturellen Existenzminimum: Das wiederum leitet sich direkt aus Grundgesetz ab und muss deshalb „eigentlich“ gewährt werden. Doch die gelebte Rechtspraxis sieht da häufig ganz anders aus. Neben einer überbordenden Bürokratie kommt noch eine fragwürdige Verwaltungspraxis hinzu.

Überbordende Bürokratie und fragwürdige Verwaltungspraxis

Ähnlich wie die Finanzämter, holen sich Behörden auch mal gerne in Eigenregie Auskünfte ein: Von Bankmitarbeiter, über soziale Netzwerke bis hin zur Nachbarschaft wird nicht selten die ganze Umgebung des Betroffenen abgeklopft. Damit auch der allerletzte Mensch im sozialen Umfeld erfährt, dass man Bedürftig sei.

Der Schnüffelstaat ist längst Realität

Doch Hartz IV ist keinesfalls mit Arbeitslosigkeit gleichzusetzen: Alleine durch steigende Mieten, Strom- und andere Nebenkosten ist die Schwelle zur Existenzsicherung schnell erreicht. Armut durch Arbeit ist längst Allgegenwärtig. Gut bezahlte Arbeitsplätze stellen immer mehr die Ausnahme und immer Seltener die Regel da.

Armut durch Arbeit ist längst Allgegenwärtig

Da immer weniger richtige Arbeitsplätze vorhanden sind: Treten an deren Stelle sogenannte „Weiterbildungsmaßnahmen“ . Zwar bringen die den Betroffenen recht wenig: Aber dafür sorgen sie für sprudelnden Einnahmen bei einer ausufernden Weiterbildungsindustrie.

„Mit den Bildungsmaßnahmen lässt sich in Deutschland gutes Geld verdienen“

>>Watson<<

„Mit den Bildungsmaßnahmen lässt sich in Deutschland gutes Geld verdienen: Pro Teilnehmer erhält ein Anbieter von Bildungsmaßnahmen rund 1900 Euro, … Doch es ist fraglich, ob diese Maßnahmen den Betroffenen bei der Jobsuche überhaupt helfen können. … „Jeder Maßnahmen-Teilnehmer erscheint nicht in der Arbeitslosenstatistik – und das sind viele Menschen.“ Auch Meyer und seine Mitarbeiter seien unter Druck gesetzt worden, behauptet der frühere Jobcenter-Mitarbeiter: „Da kursiert die Angst, wir machen, was man von uns verlangt. Egal, wie sinnhaftig das Ganze ist.“

„Pro Teilnehmer erhält ein Anbieter von Bildungsmaßnahmen rund 1900 Euro“

>>Arbeiterwohlfahrt Bezirksverband Potsdam<<

„Unser Anliegen ist es, mit unserem Fort- und Weiterbildungsangebot zeitgemäße Veranstaltungen in den Räumlichkeiten der AWO Akademie anzubieten.“

„Weiterbildungsangebot“ – „Veranstaltungen in den Räumlichkeiten der AWO Akademie“

Verständnis: Die Arbeiterwohlfahrt – kurz AWO – ist eine SPD nahe Organisation und die Einführung von Hartz-IV galt – oder gilt – als ein Prestigeprojekt der damaligen Regierung unter Regie des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder. Nebenbei haben sich die Genossen dabei auch noch großzügig selbst mitversorgt. Mit ungefähr 700.000 „Weiterbildungsmaßnahmenpro Jahr werden enorme Summen an Steuergeld umgeschichtet. Selbst der Bundesrechnungshof kritisiert schon länger das umstrittene Gebaren. Der Arbeitslose geht allerdings bei diesem „Geldsegen“ für gewöhnlich leer aus.

Profiteure von Hartz IV: Wie sich die SPD selbst versorgt

Statt gut-bezahlte Arbeitsplätze verteilt die Behörde – mehr und mehr – sinnlose Weiterbildungsmaßnahmen. Und der vermeintlich faule Arbeitslose entpuppt sich bei genauen Hinsehen als modernes Märchen – auch wenn es durchaus Einzelfälle geben mag. Denn jenseits der Mythen und Legenden sind ungefähr sieben Millionen Menschen auf Hartz IV angewiesen und diese Zahl ist seit Jahrzehnten nahezu konstant.

7 Millionen Menschen sind Unwillig zu Arbeiten?

Angenommen: 7 Millionen Menschen wären tatsächlich Unwillig zu Arbeiten: Dann müsste nach der statistischen Wahrscheinlichkeit die Arbeitslosenquote sich überall gleichmäßig verteilen. Aber auch hier zeigt die Realität ein ganz anderes Bild: Schon seit Jahrzehnten gibt es ein klares Nord-Süd-Gefälle und gleichzeitig ein Ost-West-Gefälle. Die regionalen Unterschiede fallen dabei so gravierend aus: Das in mancher geografischen Statistik die ehemalige DDR wiederaufersteht, weil dort die Arbeitslosenquote signifikant höher ausfällt.

Arbeitslosenquote: Warum die ehemalige DDR wiederaufersteht

Natürlich ist es viel einfacher auf Hartz-IV-Empfänger pauschal herum zu hacken: Als eine kritische Analyse zur Wirtschaftspolitik auszuarbeiten, denn die würde sicherlich ein unschönes Ergebnis liefern. Denn arme Arbeitslose sind der beste Garant: Für einen ausufernden Niedriglohnsektor.

 

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