Tragik oder Hoffnung: Muss Sorbisch neu erfunden werden? (1)

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Lausitzer Sorben – Die beiden Heiligen Kyrill und Method brachten im 9. Jahrhundert das griechische Alphabet mit. Es sollte die erste Schriftsprache werden und noch heute wird bei vielen slawischen Völkern das Kyrillische Alphabet – benannt nach Kyrill – verwendet.

Lausitzer Sorben: Zwischen Kyrillische Alphabet und Sorbischlehrern als Analphabeten

Doch mit solchen Feinheiten werden heutige Schüler im Sorbisch Unterricht nicht mehr behelligt. Allgemein wird die Sorbische Sprache eher Stiefmütterlich behandelt. Das Verständnis von Wort und Schrift lässt sehr zu wünschen übrig. Natürlich drängt sich die Frage auf: Muss Sorbisch neu erfunden werden? – Immerhin können heutige Schüler die Bücher von Jurij Brezan – im Original – kaum mehr lesen und stellt nur die Spitze des Eisbergs dar.

„Es wäre schön, wenn die Kinder Bücher von Jurij Brezan im Original lesen könnten“

>>Lausitzer Rundschau<<

„Annett Sarodnik hat durchaus Ansprüche an die sorbische Ausbildung in Lausitzer Schulen: „Es wäre schön, wenn die Kinder Bücher von Jurij Brezan im Original lesen könnten.“ Brezan (1916-2006) gilt als einer der bedeutendsten sorbischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Doch um seine Texte lesen und verstehen zu können, seien tiefgreifende Kenntnisse des Sorbischen unabdingbar.“

„Brezan (1916-2006) gilt als einer der bedeutendsten sorbischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts“

Allerdings ist diese Unkenntnis über die Sorbische Sprache nicht den vielen Schülern anzukreiden. Vielmehr ist die Ursache bei den verantwortlichen Lehrern zu suchen. Denn bei vielen Sorbischlehrern drängt sich die Frage auf: Können sie die Sorbische Sprache wirklich verstehen?

„Die Lehrerin kann doch gar kein Sorbisch!“ 

>>Neues Deutschland<<

„Die Lehrerin kann doch gar kein Sorbisch! Sie sagt nur immer: ›Dobry źeń.‹« Das ist Niedersorbisch und heißt: »Guten Tag.« Viel mehr von dieser in der Niederlausitz nur noch wenig verwendeten Sprache der slawischen Minderheit beherrscht die Lehrerin angeblich nicht. Dabei soll sie Niedersorbisch unterrichten.“

Niedersorbisch konnte nur Dank privater Initiativen gerettet werden

Jedoch handelt es sich dabei um keinen bedauerlichen Einzelfall: Die Bildungslücken bei vielen Lehrern sind eklatant. Sogar wissenschaftliche Studien haben es belegt. Dabei kam unter anderen heraus: Im Kindergarten haben die Schüler die Sorbische Sprache besser beherrscht, als später in der Schule. Es fand also eine Rückentwicklung statt.

„Katastrophale Noten für Sorbisch-Unterricht“

>>Lausitzer Rundschau<<

„Katastrophale Noten für Sorbisch-Unterricht – Bei Lehrern wie bei Schülern tun sich eklatante Lücken auf. Lesen, aktive Nutzung der Sprache, Verständnis – in weiten Teilen der Schülerschaft eher mangelhaft. … Bei vielen Pädagogen zeigen sich deutliche Mängel in der Aussprache und im aktiven Umgang mit dem Sorbischen/Wendischen. … Es ist verheerend, wenn Kinder der sechsten Klasse teilweise schlechter sprechen als im Kindergarten.“ Vielleicht sei es an der Zeit, alles über Bord zu werfen und den Sorbischunterricht ganz neu zu denken.“

„Alles über Bord zu werfen und den Sorbischunterricht ganz neu zu denken“

Allen offiziellen Verlautbarungen zum Trotz: So wirklich überraschend dürfte das Ergebnis der wissenschaftlichen Studie kaum gewesen sein. Schließlich wird der Sorbisch Unterricht schon seit langer Zeit zurückgedrängt. Nicht mal die Lehrerausbildung findet in der Lausitz statt. Zu allen Überfluss werden sogar ausländische Lehrer aktiv im Tschechien angeworben. Es wird wirklich viel unternommen, um die Sorbische Sprache weiter zu unterminieren.

Vernichtende wissenschaftliche Studie: Muss Sorbisch neu erfunden werden?

Also drängt sich einmal mehr die Frage auf: Muss Sorbisch neu erfunden werden? Es mag vielleicht weit hergeholt klingen, aber Hebräisch – die heutige Amtssprache im Israel – hat mal vor einer ganz ähnlichen Situation gestanden. Zeitweise war die Sprache nahezu ausgestorben und wurde fast nur noch im Liturgischen Bereich verwendet. Als der Staat Israel gegründet und Hebräisch zur offiziellen Amtssprache wurde, da taten sich eklatante Lücken auf. Also musste eine Art von Sprachreform her und dabei ist ein modernes Hebräischauch Ivrit genannt – herausgekommen. Allgemein stellt Thema dieses Thema aber selbst innerhalb von Israel ein heißes Eisen dar.

„Die Erfindung des jüdischen Volkes veröffentlicht“

>>Die Erfindung des Landes Israel von Shlomo Sand (Buch) <<

„Im Jahre 2008 habe ich auf Hebräisch meine Studie Die Erfindung des jüdischen Volkes veröffentlicht, die als theoretische Untersuchung darauf zielt, den metahistorischen Mythos von der Existenz eines exilierten, wandernden jüdischen Volkes zu dekonstruieren. Das Buch wurde in zwanzig Sprachen übersetzt; eine ganze Phalanx feindseliger zionistischer Kritiker antwortete darauf. In einer Rezension schrieb etwa der bekannte britische Historiker Simon Schama, mein Buch sei »(in dem Versuch) gescheitert, das Band der Erinnerung zwischen dem Land der Väter und der jüdischen Erfahrung aufzuheben«. Ich muss gestehen, dass ich über diese Anmerkung zunächst überrascht war. Doch als zahlreiche weitere Artikel und Kommentare wiederholten und auswalzten, meine Absicht sei es im Grunde gewesen, das Anrecht der Juden auf ihre angestammte Heimat zu unterminieren, verstand ich, dass Schamas Standpunkt symptomatisch für den Gegenangriff auf meine Studie war.“

„Anrecht der Juden auf ihre angestammte Heimat zu unterminieren“

Eine vergleichbare hitzige Diskussion wird über dieses Thema auch in Griechenland geführt. Auch da war die Sprache zeitweise verschwunden und die musste Anfang des 18. Jahrhunderts – zusammen mit den dazugehörigen Staat – quasi neu erfunden werden. Natürlich ist es mit der Sorbischen Sprache noch nicht so Schlecht bestellt. Dennoch zeichnet sich gewisse Parallelen ab.

Sorbisch: „Sprache das gleiche mündliche und schriftliche Niveau zu erreichen wie deutschsprachige Kinder“

>>Gesellschaft für bedrohte Völker<<

„Sorbischen Kindern und Jugendlichen müsse es ermöglicht werden, in ihrer Sprache das gleiche mündliche und schriftliche Niveau zu erreichen wie deutschsprachige Kinder. Dabei müsse auch die sorbische Umgangssprache stärker berücksichtigt werden. „Wenn das Sorbische als lebendige Sprache erhalten werden soll, dann muss die Unterrichtsversorgung so regionalisiert werden, dass Sorbisch-Unterricht überall dort angeboten wird, wo er von Eltern und Kindern gewünscht wird“, sagte Delius. Auch in der dualen Berufsausbildung müsse das Sorbische stärker verankert werden. Es dürfe nicht der Eigeninitiative einzelner Handwerker, Bäcker und Tischler überlassen werden, ihren Lehrlingen berufsbezogenen Fachwörterschatz zu vermitteln, fordert die GfbV.“

„Auch in der dualen Berufsausbildung müsse das Sorbische stärker verankert werden“ 

Die Forderungen der Gesellschaft für bedrohte Völker sind keineswegs neu, aber die sind weitestgehend wirkungslos verhallt. Nichtsdesoweniger: Es ist nicht alles nur Schwarz zu sehen, denn es gibt viele private Einzelinitiativen, die die Sorbische Sprache zu einer neuen Renaissance verhelfen wollen. Aber darum soll es im 2. Teil gehen.

 

–W E R Β U Ν G–

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